Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Thematisches Forum

Berufsbildung „aktuell“: Renaissance der altbekannten Arbeitsmarktsegregation oder neue Möglichkeiten für eine gleichstellungsorientierte Arbeitswelt?

Von:
Bergmann, Nadja; L&R Sozialforschung
Leitner, Andrea; Institut für Höhere Studien
Scambor, Elli; Institut für Männer- und Geschlechterforschung
Gassler, Helmut; ZSI - Zentrum für Soziale Innovation
Waid, Margit; Johannes Kepler Universität Linz
Kugi-Mazza, Edith; Arbeiterkammer Wien

Session: Thematisches Forum F4
Zeit: Donnerstag, 7.7.2016, 15:00 - 16:30
Ort: FH-SKF
Typ: Thematisches Forum
Stichworte: Segregation, Geschlechtergleichstellung, Berufsbildung, Arbeitmarktungleichheit

Ist die Berufsbildung „aktuell“ eher ein Vehikel für eine Renaissance der „altbekannten“ Arbeitsmarktsegregation oder bieten sich „neue“ Möglichkeiten für eine gleichstellungsorientierte Arbeitswelt?

Sechs Impuls-ReferentInnen formulieren Thesen rund um diese Frage und beleuchten dabei unterschiedliche Facetten des Themas. Die „Renaissance“ der Berufsbildung erweckt jedenfalls aus gleichstellungspolitischer Sicht durchaus widersprüchliche Gedanken:

Eine mittlerweile fast jahrzehntelange Forschungstradition verweist auf bestehende Ungleichgewichte, Segregationen und Segmentationen im Bereich der Berufsbildung (zu den Begrifflichkeiten siehe auch Leitner & Dibiasi 2015). Der „gespaltene Arbeitsmarkt“ (vgl. Sengenberger 1978) wurde auch im deutschsprachigen Raum ein spätestens ab den 70er Jahren viel diskutierter Begriff, der unter einer Gleichstellungsperspektive um feministische Ansätze der Arbeitsmarksegregation konkretisiert wurde (vgl. zusammenfassend Leitner & Dibasi 2015 sowie Kreimer 2009).

Die Trennung in traditionelle frauendominierte- und männerdominierte Ausbildungs- und Berufsfelder – als bereits relativ lang diskutiertes Phänomen in Österreich – hat wenig an seiner Brisanz und Ausprägung eingebüßt. Bestehende Zuschreibungen und Bilder können durch aktuelle Diskurse und Ansätze verbessert oder aber noch verstärkt werden. Die Nicht-Beachtung und Thematisierung dieser Prozesse birgt jedoch die Gefahr, dass geschlechtsspezifische Muster verstärkt werden oder zumindest unverändert bleiben.

Angesichts auch in aktuellen Befunden festgestellter Persistenzen im österreichischen Berufsbildungssystem (aktuell beispielsweise Leitner & Dibiasi 2015, Scambor 2015 oder Tschenett 2015) stellt sich daher die Frage, was eine bloße „Renaissance“ der Berufsausbildung aus gleichstellungstheoretischer und -politischer Sicht bedeuten mag? Dies nicht zuletzt auch unter neuen hegemonialen Diskursen, wie beispielsweise die so genannte „Industrie 4.0“ ?

Andererseits sind – wenn auch in kleinen Schritten – gewisse Änderungen hinsichtlich Bildungs- und Berufswahlprozesse erkennbar. Hier kann auf bereits jahrzehntelange Initiativen im Bereich „Mädchen/Frauen in die Technik“ (vgl. exemplarisch Papouschek, Mairhuber & Kasper 2014) oder rezente Ansätze zur Förderung von Burschen/Männern in Pflegeberufen (vgl. Scambor 2015) verwiesen werden bzw. generell einer Verbreiterung von Berufsorientierung und Öffnung und Adaptierung unterschiedlicher Berufsbilder und -bezeichnungen.

Genau hier möchte das Themenforum an- und einsetzen und eine etwaige Renaissance der Berufsbildung unter dem Fokus der Bildungs- und Arbeitsmarktsegregation diskutieren:

Dazu sind folgende Impulse geplant, bevor gemeinsam diskutiert wird:

Andrea Leitner (Institut für Höhere Studien) wird in ihrem Beitrag „Frauenberufe – Männerberufe: Zur Persistenz der geschlechtsspezifischen Segregation durch das österreichische Berufsbildungssystem“ der Frage nachgehen, inwieweit das österreichische Berufsbildungssystem die weiterhin hohe geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes begünstigt. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen sind empirische Befunde , die für Österreich auf eine beharrliche und im EU-Vergleich große berufliche Segregation zwischen Frauen und Männern verweisen (vgl. Leitner, Dibiasi 2015). Als Einflussfaktoren werden Parallelstrukturen von schulischer und dualer Berufsbildung, altersspezifischen Entscheidungsstufen in der Schulwahl und die Konzentration von Frauen und Männern als LehrerInnen auf unterschiedliche Themenbereiche zur Diskussion gestellt. Elli Scambor (Institut für Männer- und Geschlechterforschung) wird daran anschließend spezifisch auf “Faktoren für eine nicht-traditionelle Berufswahl bei Burschen“ eingehen. Der Impuls fokussiert auf eine Auseinandersetzung mit Entwicklungen der Geschlechtersegregation am Erwerbsarbeitsmarkt mit einem Fokus auf Männer in sogenannten ‚Care‘-Berufen. Die Ergebnisse aktueller Studien zeigen Handlungsbedarf in der Erweiterung des Berufswahlspektrums von Burschen, jenseits einengender Geschlechterstereotype. Initiativen zur Erweiterung der Berufs- und Lebenswege von Burschen (bspw. Boys‘ Day, Neue Wege für Jungs) haben sich vor nicht allzu langer Zeit etabliert.

Nadja Bergman (L&R Sozialforschung) wirft einen Blick auf die andere Seite der Medaille und stellt „Neue Ergebnisse zum alten Thema ‚Mädchen und Frauen in die Technik‘“ zur Diskussion. Es werden rezente Studien und empirische Entwicklungen aus dem Themenbereich technisch-handwerklicher Lehrberufe vorgestellt und etwaige Änderungen und Persistenzen im Hinblick auf Geschlechtergleichstellung und -beteiligung diskutiert bzw. die Ausrichtung von frauenspezifischen Programmen und Initiativen im „MINT-Bereich“ zur Diskussion gestellt. Deutlich wird, dass sich der Diskurs in diesem speziellen Bereich in den letzten Jahren zwar vom „Problemfall Mädchen/junge Frauen“ zum „Problemfall betriebliche und schulische Rahmenbedingungen und männerdominiertes Umfeld“ verschoben hat, die Vergeschlechtlichung und bipolare Geschlechterzuschreibungen in diesem Feld aber sehr hartnäckig zu sein scheinen.

Edith Kugi-Mazza (Arbeiterkammer Wien) beleuchtet die Diskussion rund um dieses Thema auf Basis aktueller statistischer Materialien, die zeigen, dass sich bezüglich der geschlechtsspezifischen Segregation am Lehrstellenmarkt in den letzten 20 Jahren kaum etwas verändert hat. Zudem ergänzt sie den wissenschaftlichen Diskurs um praktische Einsichten, vor allem Fördermöglichkeiten zur Änderung dieses offenbar sehr langwierigen und hinsichtlich Änderungen sehr resistenten Ausbildungsbereiches.

Grundsätzlicher wird die Frage von Helmut Gassler (ZSI, Zentrum für Soziale Innovation) in seinem Impuls zur „Industrie 4.0: Droht eine Renaissance der Arbeitsmarktsegmentierung?“ behandelt. Dabei wird die These vertreten, dass die „Industrie 4.0“ zu einer "Resegregation" der Berufe nach Geschlecht führen könnte. Die Verknüpfung von Informatik und Datenverarbeitung ("Digitalisierung der Produktion") mit einschlägigem Knowhow bezüglich Werkstoffe und Produktionswissen gibt erste Hinweise auf Anforderungen an die künftigen Industrie 4.0 ArbeitnehmerInnen. Aus gleichstellungspolitischer Sicht ist zu befürchten, dass dieser in seinen Grundzügen überaus "maskulin" konnotierte Diskurs zu einem Rückschritt führen könnte: hier der hochqualifizierte Industriearbeiter "neuen" Typs, der die weitgehend autonom arbeitenden Maschinen überwacht und gegebenenfalls regulierend eingreift, dort die menschenorientierte Service-Arbeiterin, die sich aufopfernd um ihre Schützlinge kümmert. Tatsächlich deutet die Geschlechterverteilung bei ausgewählten Industrie 4.0-affinen Ausbildungszweigen darauf hin, dass es zu einer Verstärkung geschlechtskonnotierter Berufszuschreibungen unter dem Vorzeichen von Industrie 4.0 kommen könnte.

Margit Waid (Johannes Kepler Universität Linz) greift das Thema von praktischer Seite auf und fragt in ihrem Beitrag „Feuerwehrfrau trifft Kindergärtner anno 2037. Oder: vom Arbeitsmarkt der Zukunft – ein Rückblick in die Gegenwart“ nach den Entscheidungsmustern von jungen Frauen und Männern für weiblich bzw. männlich dominierte Berufe und Studienfächer. Sie betrachtet die Rolle der Schule als Bildungsinstitution bei der Aufrechterhaltung und Veränderung traditioneller Geschlechterrollen und möchte die bildungspolitischen Aufgaben der Förderung geschlechtsunspezifischer Berufs- und Studienwahl von Mädchen und Jungen zur Diskussion stellen. Der Beitrag gibt Einblicke in konkrete Projekterfahrungen an der JKU Linz rund um Themen wie Sensibilisierung von Lehrkräften in diversen Schularten für geschlechtsspezifische Didaktik, die Erarbeitung von Instrumentarien zum Einsatz geschlechtssensiblen Unterrichts sowie die Sensibilisierung von Lehramtsstudierenden.

Im Anschluss an die Impulse werden gemeinsam mit dem Publikum folgende Fragen diskutiert:

• In welchen Ausbildungs- und Berufsfeldern sind Veränderungen erkennbar, wo besteht eine Stagnation bzw. Verfestigung geschlechtsspezifischer Muster?

• Welche Traditionen und Muster des österreichischen Berufsbildungssystems verfestigen die horizontale und vertikale Segregation?

• Wieweit wird die geschlechtsspezifische Segregation durch neue Entwicklungen in Bildung und Beschäftigung verringert oder verschärft?

• Welche dahinterliegenden Geschlechterleitbilder verstärken oder vermindern die Arbeitsmarktsegmentation?

• Wo gibt es erfolgversprechende Ansatzpunkte für Änderungen?

Als Erkenntnisgewinn wird von dem Themenforum erwartet, dass das Thema Berufsbildung unter gleichstellungspolitischen Gesichtspunkten diskutiert wird und scheinbar "geschlechtsneutrale" Diskurse als geschlechterhierarchisierende Instrumente dechiffriert werden. Demgegenüber werden Ansätze vorgestellt und diskutiert, die zu einer gleichstellungsorientierten Ausbildungs- und Arbeitswelt beitragen können, die im dominanten Diskurs rund um Wettbewerb, Innovation und Wachstum nur allzu oft unterzugehen drohen, werden sie nicht in diesen integriert und aufgegriffen.

Konzipiert und moderiert wird das Themenforum von Nadja Bergmann (L&R Sozialforschung).

Ermöglicht wurde das Themenforum durch die finanzielle Unterstützung seitens des NWW (Netzwerk Wissenschaft) der AK Wien, welches sowohl die Konzeption des Forums als auch die Teilnahmen der beteiligten ForscherInnen unterstützt.



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