Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Der Splitter im Auge als Vergrößerungsglas: Widersprüche als Chancen des Demokratielernens im Kontext der dualen Lehrlingsausbildung

Von:
Lauss, Georg; PH Wien, Österreich
Schmid-Heher, Stefan; PH Wien, Österreich

Session: Papersession P1/2
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 11:00 - 12:30
Ort: Museum Arbeitswelt - Kleiner Saal
Typ: Paper
Stichworte: Politische Bildung, Demokratielernen, Autoritarismus, Duale Ausbildung, Berufsschule

Das duale System wird von vielen Seiten als besondere Stärke des österreichischen Bildungswesens begriffen. Für diese Sichtweise werden zumeist standortpolitische und arbeitsmarktpolitische Argumente ins Treffen geführt. Zentral ist der hohe Stellenwert der Berufspraxis: Die Ausbildung findet zu 80 % im Lehrbetrieb statt. Die Förderung und Ergänzung der betrieblichen Ausbildung steht im Mittelpunkt des Berufsschulunterrichts. Aber nicht nur wirtschaftliche Anforderungen setzen Bildung voraus, sondern auch Demokratie stellt hohe Ansprüche an den bzw. die Einzelne und muss gelernt werden. In den 1970er Jahren wurde daher auch die Erweiterung der Allgemeinbildung gesetzliche Aufgabe der Berufsschule. 1976 wurde an Berufsschulen der Pflichtgegenstand Politische Bildung eingeführt. Die zentrale Frage des Beitrags ist, inwiefern sich grundlegende Widersprüche zwischen Berufsbildung und (Allgemein-)Bildung (Büchter 2017) für das Demokratielernen im berufsschulischen Kontext nutzbar machen lassen.

Welche Widersprüchlichkeiten bilden nun den Ausgangspunkt unserer Überlegungen? Erstens: Schon der Bildungsbegriff selbst umfasst entgegengesetzte Elemente. Einerseits ist Bildung immer auch ein Mittel zur Reproduktion und Legitimation gegebener Verhältnisse und dient der Anpassung an sowie dem Einfügen in diese. Im Mittelpunkt steht die Aneignung der dafür nötigen Kompetenzen. Andererseits ist Bildung Voraussetzung für Weiterentwicklung, Gestaltung oder auch Verwerfung des Gegebenen. Kritik, Emanzipation und Selbsttätigkeit sind unmittelbar damit verknüpft. Auch in der Politischen Bildung existiert ein Spannungsfeld zwischen der normativen Bezugnahme auf Demokratie und der Arbeit in bzw. mit per se nicht demokratischen Verhältnissen wie Schule und Arbeit. In der Gegenüberstellung von Bildung und Ausbildung bzw. Allgemein- und Berufsbildung kristallisiert sich das Unvermögen, beide Aspekte in einen Bezug zueinander zu stellen.

Zweitens: Aktuelle empirische Untersuchungen zeigen, dass das Verhältnis von Lehrlingen zur liberalen Demokratie teilweise brüchig ist (Lauss/Schmid-Heher 2017). Eine klare Mehrheit befürwortet die Demokratie als Staats- und Regierungsform. Jedoch stimmt nur etwas mehr als ein Viertel der Befragten der Demokratie als beste Regierungsform stark zu. Immerhin ein Viertel der Befragten äußert sich sogar ablehnend. Der insgesamt dennoch klaren Zwei-Drittel-Mehrheit für die Demokratie als Regierungsform stehen jeweils deutliche Mehrheiten für eine autoritäre Persönlichkeit an der Staatsspitze sowie für ExpertInnenentscheidungen anstelle von Regierungsentscheidungen gegenüber. Darüber hinaus zeigt sich ein Hang zum gesellschaftlichen Autoritarismus. Eine große Mehrheit der Lehrlinge spricht sich für mehr Disziplin und Ordnung aus. Gleichzeitig befürwortet mehr als die Hälfte der Befragten, dass man Neues ausprobieren sollte, auch wenn dabei Regeln verletzt werden. Auch beim Blick auf die Zukunft zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Während die eigene berufliche Zukunft durchwegs optimistisch bewertet wird, herrscht gesamtgesellschaftlich eher Pessimismus vor.

Widersprüche und „kognitive Dissonanzen“ (Lange 2008) müssen Ausgangspunkt des Demokratielernens in der dualen Ausbildung sein. Im Sinne eines subjektorientierten Unterrichts sollten politische und soziale Probleme der Jugendlichen sowie ihr Erleben von Machtverhältnissen im sozialen Nahraum von Betrieb, Schule, Familie und Freundeskreis vermehrt zum Rohstoff für Politische Bildung in der Berufsschule werden. So sind zum Beispiel konkrete Hoffnungen von Lehrlingen auf Anerkennung aber auch Erfahrungen von Missachtung Ansätze für demokratiepolitisch wichtige Lernprozesse. (Henkenborg 2009) Dazu zählt auch, dass die Bedingungen für Demokratielernen am Lernort (Berufs-)schule und im Lehrbetrieb kritisch zum Unterrichtsthema gemacht werden. Das Erschließen von Mitbestimmungsmöglichkeiten und Gestaltungsräumen ist wichtig um Ohnmachtsgefühlen entgegenzuwirken. Gerade die lebensweltliche Situation der Jugendlichen im dualen System bietet hier Ansatzpunkte, um das kritische Hinterfragen von Hierarchien handlungsorientiert zu thematisieren.



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