Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Inklusivität der österreichischen (dualen) Berufsbildung für MigrantInnen - eine konventionensoziologische Perspektive

Von:
Skrivanek, Isabella; Donau-Universität Krems, Österreich

Session: Papersession P2/4
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 16:00 - 17:00
Ort: Fachhochschule - Seminarraum Bene im 3. Stock
Typ: Paper
Stichworte: Duale Ausbildung, Migration, Inklusivität, Konventionen, Arbeitsmarktpolitik

Allgemein gelten duale Berufsbildungssysteme, die schulische Ausbildung mit betrieblicher Ausbildung kombinieren, als inklusiv und erfolgreich für die Gewährleistung einer niedrige(re)n Jugendarbeitslosigkeit. Sie stellen eine besondere Form der Verbindung von „Bildung“ und „Beruf“ dar und sind in Österreich ein weiterhin bedeutsamer Ausbildungsweg. Im Schuljahr 2015/16 absolvierten 37% der SchülerInnen der 10. Schulstufe eine Lehrausbildung, 34% der Bevölkerung (25-64 Jahre) verfügten über einen Lehrabschluss. Allerdings gilt diese Inklusivität insbesondere für Jugendliche mit schwachen Schulleistungen und (sozioökonomischen) Benachteiligungen nicht und, wie Forschungen für die Schweiz und Deutschland zeigen, inbesondere MigrantInnen aus Ländern außerhalb der EU haben Schwierigkeiten beim Zugang zur Lehre. Die spezielle Zugangslogik der betrieblichen Lehrlingauswahl wird dabei als besonders anfällig für Diskriminierung gesehen. (Imdorf 2010, Scherr 2015, Ulrich 2015, Granato & Ulrich, 2014)

Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen stellen ein wichtiges Auffangsnetz für benachteiligte und ausgrenzungsgefährdete Jugendliche dar, um eine Lehrstelle zu finden bzw. eine berufliche Ausbildung zu ermöglichen. Spezifische Untersuchungen zu MigrantInnen in der Lehre sind in Österreich vergleichsweise rezent und bündeln einerseits vereinzelt bestehende Forschungsergebnisse zur Frage der Unterrepräsentation und behandeln andererseits die empirische Struktur anhand von Administrativdaten sowie die Einstellungen und Erfahrungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zur und in der Lehre. (Biffl/Skrivanek 2015, Hofer 2014, Hofer/Skrivanek/Tomic, 2015).

Der vorgeschlagende Beitrag rückt die institutionelle, organisationale Perspektive in den Vordergrund. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie inklusiv das österreichische (duale) Berufsbildungssystem für MigrantInnen in Bezug auf Zugang, Verbleib und Arbeitsmarktergebnisse ist und welche Rolle dabei die Arbeitsmarktpolitik hat. Dieser Fokus beruht auf den genannten eigenen Vorarbeiten und folgenden Arbeitshypothesen:

Für die Frage der Inklusivität und Repräsentation von MigrantInnen in der dualen Ausbildung sind die institutionellen Opportunitäten des Berufsbildungssystems insgesamt bedeutsam und schließt Fragen des „Allgemeinen im Beruflichen“ ein. (Lassnigg 2012, Seibert/Hupka-Brunner/Imdorf 2009) Bei der dualen Ausbildung benachteiligt die spezifische Auswahllogik durch Betriebe MigrantInnen bei Zugang zur Lehre (organisationale Diskriminierung unter Unsicherheit). Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik reduzieren die Unterrepräsentation von MigrantInnen in der dualen Ausbildung. Inklusivität ist nicht nur in Bezug auf den Zugang zur Lehre, sondern auch zum Verbleib und zur Arbeitsmarktsituation nach Ausbildungsabschluss zu betrachten.

Methodisch wird eine konventionensoziologische Institutionen- und Organisationsanalyse (Diaz-Bone, 2011) durchgeführt, die auf dem Modell der Lehrlingsauswahl von Imdorf aufbaut (Imdorf 2015). Ausgangspunkt bildet die Überlegung, dass verschiedene Prinzipien der sozialen Koordination am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Ausbildungsstätte bestehen, die konkurriende und gegensätzliche Wertigkeitsordnungen mit sich bringen. Konventionen bilden dabei etablierte kollektive, kulturelle Prinzipien der Koordination ab, die die sozialen Beziehungen zwischen Akteuren strukturieren und legitimieren. Analytisch lassen sich im Weiteren einzigartige Ordnungs- und Gerechtigkeitsstrukturen („Welten“, (Boltanski & Thévenot, 2007) unterscheiden, die die normative Basis kollektiven Handelns bilden, etwa im betrieblichen Kontext zur „Rechtfertigung“ der Personalauswahl. Dieser Rahmen wird für die Frage der Offenheit/Zugänglichkeit und Repräsentation von MigrantInnen in der dualen Ausbildung, den institutionellen Opportunitäten des Berufsbildungssystems sowie zur Rolle der Arbeitsmarktpolitik dabei angewandt. Die Ergebnisse verstehen sich als Diskussionbeitrag zu den Zielen der Berufsbildung und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.

Literatur (u.a.):

Biffl, G. & Skrivanek, I. (2015) Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Lehre. Strukturen, Barrieren, Potentiale. Krems.

Diaz-Bone, R. (Hrsg.). (2011). Soziologie der Konventionen: Grundlagen einer pragmatischen Anthropologie. Frankfurt am Main.

Hofer, K., Skrivanek, I., & Tomic, M. (2015). Migration und Lehre Über die Ursachen der unterschiedlichen Nutzung des österreichischen Lehrstellenangebotes. Wien.

Imdorf, C. (2015). Ausländerdiskriminierung bei der betrieblichen Ausbildungsplatzvergabe. Ein konventionensoziologisches Erklärungsmodell. In A. Scherr (Hrsg.), Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung: Stand der Forschung, Kontroversen, Forschungsbedarf, S. 34–53. Weinheim.

Lassnigg, L. (2012): Die berufliche Erstausbildung zwischen Wettbewerbsfähigkeit, sozialen Ansprüchen und Lifelong Learning - eine Policy-Analyse. In: B. Herzog-Punzenberger (Hg.): Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012. Graz, S. 313–354



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