Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Poster

Nachhaltigkeitsbildung – eine Brücke zwischen Allgemeinbildung und Berufsbildung

Von:
Forstner-Ebhart, Angela; Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, Österreich
Linder, Wilhelm; Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, Österreich

Session: Postersession
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 13:00 - 14:00
Typ: Poster
Stichworte: Bildung für nachhaltige Entwicklung, Grüne Pädagogik, systemisch-konstruktivistische Didaktik

Nachhaltige Entwicklung (BNE) ist kein Transferprogramm von bekannten Konzepten in die Praxis: Vielmehr besteht das fundamentale Problem darin, dass „niemand exakt weiß, wie eine nachhaltige Gesellschaft bzw. Lebensweise konkret aussieht“ (Hoffmann, 2014). Es sind daher Fähigkeiten erforderlich, wie sie Gestaltungskompetenz von de Haan (2008) vorschlägt. Dazu zählen weltoffen und interdisziplinär Zielkonflikte zu berücksichtigen oder die eigenen Leitbilder zu reflektieren. Diese Kompetenzen leiten sich aus Prinzipien einer humanistischen Bildung ab. BNE im beruflichen Umfeld spannt eine Brücke zwischen der umsetzungsorientierten Qualifizierung für konkrete Aufgaben und Problemstellungen und einer nicht-instrumentellen, den Prinzipien der Humanität verpflichteten Bildung.

Wie kann der Erwerb konkreter beruflich erforderlicher Fertigkeiten mit dem Erwerb von Gestaltungskompetenz verknüpft werden?

Für Lehrkräfte des berufsbildenden Schulwesens stellt dies eine große Herausforderung dar. Die strukturelle Verknüpfung der Nachhaltigkeit erfordert didaktische Strategien im Umgang mit komplexen Problemstellungen und kontroversen Themen, die unterschiedliche Perspektiven deutlich machen und systemisches Denken fördern.

Mit dem Konzept der Grünen Pädagogik wurde an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik ein Leitfaden für die didaktische Entwicklung von Lernsettings entwickelt, die diese Verknüpfung ermöglichen. Es hat den Anspruch, eine Brücke zwischen beruflicher Handlungskompetenz und nachhaltiger Handlungsfähigkeit im Hinblick auf globale Herausforderungen zu bilden – mit dem Ziel, dass die Verknüpfung sozialer, ökonomischer und ökologischer Ansprüche gelingt. Die Grüne Pädagogik ruht auf folgenden Pfeilern:

• BNE und systemisch-konstruktivistische Didaktik (Reich 2005, Arnold 2012) als Pylone sind die tragenden Elemente dieser Brücke. Erstere gibt die Zielsetzung, letztere die didaktische Fundierung vor.

• Konfrontation als Widerlager am Ufer der Berufsbildung: Lehr-Lernsettings im Sinne Grüner Pädagogik setzen offene Fragestellungen mit Bezug zur Lebens- und Berufswelt der Lernenden voraus. Einerseits ist die Anschlussfähigkeit an mentale Modelle der Lernenden herzustellen, andererseits sind mehrperspektivische Zugänge zu fördern.

• Irritation sowie didaktische Rekonstruktion sind Stützpfeiler: Grüne Pädagogik will neue Denkräume eröffnen. Irritationen, die bestehende Nachhaltigkeitskonzepte in Frage stellen können ebenso erforderlich sein, wie neue Perspektiven anzusprechen, um Aporien zu begegnen. Das Konzept der didaktischen Rekonstruktion (Kattmann, 2005) bietet hier eine theoretische Basis.

• Reflexion als Widerlager am Ufer der (Allgemein)bildung: Nicht nur die Ergebnisse des Lernens sind zu hinterfragen, sondern der Lernprozess, der Erkenntnisweg selbst.

Kater-Wettstädt (2017) weist in ihrer Studie darauf hin, dass im Unterricht präsentierte Lösungsvorschläge lediglich reproduziert, nicht aber kritisch reflektiert werden. Das Konzept der Grünen Pädagogik bietet hier Alternativen. Im Studienjahr 2017/18 wurden im Rahmen von Hochschullehrgängen mehr als 40 Lernsettings von Lehrkräften unterschiedlicher berufsbildender Fächer im landwirtschaftlichen Schulwesen entwickelt und erprobt. Die Lernsettings werden qualitativ nach Mayring (2008) mit Hilfe der QCA analysiert, um das Konzept weiter zu entwickeln. Eine erste Analyse weist auf einige besondere Herausforderungen bei der Umsetzung im Unterricht hin.

• Der Einstieg: Lehrpersonen fällt es schwer, Unterrichtseinstiege so zu wählen, dass sie ergebnisoffen bearbeitet werde können.

• Der Umgang mit Einstellungen, Werthaltungen Emotionen: Nachhaltigkeitsthemen können starke Emotionen auslösen, dennoch bleibt die Auseinandersetzung mit ihnen die Ausnahme.

• Reflexionen beziehen sich fast ausschließlich auf die Sicherung der Lernergebnisse: Anstatt mehrperspektivische Sichtweisen klar herauszuarbeiten, droht hier Beliebigkeit.

Die Transformation hin zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung erfordert neue Formen des Lernens – auch in Richtung einer Auflösung der Polarität zwischen (Allgemein)bildung und Berufsbildung. Bildung für nachhaltige Entwicklung hat dafür Brücken zu bauen. Das Konzept der Grünen Pädagogik ist ein Versuch in diese Richtung.

Hoffmann,T. (2014).Bildung für nachhaltige Entwicklung. Umweltakademie Baden-Württemberg.

Kattmann, U. (2005). Was haben Schule und Wissenschaft beim Thema „Kulturlandschaft“ miteinander zu verhandeln? In. F. Radits et al. (Hrsg.). Gemeinsam Forschen – Gemeinsam Lernen. Wissen, Bildung und Nachhaltige Entwicklung. Innsbruck u.a.: StudienVerlag. 55-69.

Kater-Wettstädt, Lydia (2017). Nachhaltiges, Globales Lernen 2.0.In: Tagungsband „Bildung und Erziehung im Kontext globaler Transformationen“. DGfE.

Rieckmann Marco et al. (2017). Evaluation for Sustainable Goals: Learning Objectives, UNESCO.



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