Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Moralische Aspekte der Begabtenförderung im berufsbildenden kaufmännischen Vollzeitschulwesen

Von:
Adelsberger-Höss, Eva; Universität Innsbruck, Österreich

Session: Papersession P3b/2
Zeit: Freitag, 6.7.2018, 12:00 - 13:00
Ort: Fachhochschule - Hörsaal ZKW im 3. Stock
Typ: Paper
Stichworte: Berufsbildung, Berufsbildendes Vollzeitschulwesen, Begabtenförderung, Professionsmoral, Lehrkräfte

Abstract

Nicht nur die Förderung von lernschwachen und normal begabten Lernenden ist Teil des Aufgabenbereichs von Lehrpersonen im berufsbildenden kaufmännischen Schulwesen, sondern auch die Förderung besonders begabter SchülerInnen (vgl. BMUKK 2010). Die Lehrpersonen haben in ihrem Unterricht also die herausfordernde Aufgabe, Lernenden mit unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, indem sie Förderressourcen (z.B. Zeit, Aufmerksamkeit, Unterrichtsaufwand) adäquat verteilen. Da diese Ressourcen für eine angemessene Förderung den Lehrpersonen jedoch nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen, muss Förderung durch Lehrpersonen als knappes Gut betrachtet werden (vgl. Bloch 2014; vgl. Behrensen 2013; vgl. Schwippert 2002; vgl. Gerber & Semmel 1985). Aufgrund dieser Knappheit obliegt es jeder einzelnen Lehrperson, eine Allokationsentscheidung zu treffen und somit zu definieren, wie sie individuell ihre Förderbemühungen innerhalb einer vorhandenen Gruppe von Lernenden aufteilt.

Maßgeblich geleitet werden solche Prozesse des Abwägens und Entscheidens vom individuellen Berufsethos der Lehrperson (vgl. Wischer 2010:26; vgl. Aurin 1993:43; vgl. Patry u. a. 1988:295).

Das vorliegende Forschungsprojekt stellt nunmehr die Frage, in welchem Maße Lehrkräfte des wirtschaftlichen Unterrichts an kaufmännischen Schulen begabte SchülerInnen fördern und vor allem wie sie aus professionsmoralischer Sicht das Maß an Förderung begründen, das sie diesen Lernenden zuteilen.

Die empirischen Ergebnisse wurden mit Hilfe von 15 problemzentrierten Interviews mit Lehrkräften gewonnen, bei denen gezielt auch grafische Elemente (‚graphic elicitation‘-Methode, vgl. Bagnoli 2009; vgl. Umoquit u. a. 2008) eingesetzt wurden.

Die Forschungsarbeit versteht sich als ein Beitrag zur Erweiterung und Vertiefung des Blicks auf Begabtenförderung im berufsbildenden Vollzeitschulwesen und zur verstehenden Rekonstruktion von moralischen Abwägungsvorgängen und der Perspektive von Lehrpersonen in diesem Schultyp bezogen auf jenes Thema. Es geht somit darum, die Sichtweisen der Lehrkräfte zu explizieren. Denn soll das Bildungswesen weiterentwickelt werden, um somit den derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen gerecht zu werden, wird es als zentral angesehen, Zugang zu den Perspektiven der Lehrpersonen zu haben (vgl. Säljö 1997:105). Denn gerade die Lehrkräfte sind es, die als zentrale Kräfte des Bildungswesens beschrieben werden (vgl. Hattie 2009), und zwar auch im Bereich der Begabtenförderung (vgl. Schmid 2014:95).



Literatur:

Aurin, Kurt 1993. Auffassung von Schule und pädagogischer Konsens. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung.

Bagnoli, Anna 2009. Beyond the standard interview: the use of graphic elicitation and arts-based methods. Qualitative Research 9, 5, 547–570.

Behrensen, Birgit 2013. Die Verteilung der Lehreraufmerksamkeit als Gerechtigkeitsfrage – Sekundäranalyse einer Studie zu Sichtweisen und Erfahrungen von Grundschullehrkräften mit individueller Förderung. Pädagogische Rundschau 67, 553–562.

Bloch, Daniel 2014. Ist differenzierter Unterricht gerecht? – Wie Lehrpersonen die Verteilung ihrer Förderbemühungen rechtfertigen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

BMUKK 2010. Begabungs- und Begabtenförderung im berufsbildenden Schulwesen. http://www.oezbf.at/cms/tl_files/Publikationen/Veroeffentlichungen/BHMS_Broschuere_web.pdf [Stand 2018-01-15].

Gerber, Michael M. & Semmel, Melvyn I. 1985. The Microeconomics of Referral and Reintegration – A Paradigm for Evaluation of Special Education. Studies in Educational Evaluation 11, 13–29.

Hattie, John 2009. Visible learning: a synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London ; New York: Routledge.

Patry, Jean-Luc u. a. 1988. Der gerechte, fürsorgliche Lehrer – Selbstbilder, Fremdbilder. Beiträge zur Lehrerbildung 6, 3, 295–299.

Säljö, R. 1997. Self-report in educational research. In Educational Research, Methodology, and Measurement: An International Handbook. Kidlington: Elsevier, 101–106.

Schmid, Günter 2014. Begabungsförderung als professionelle Herausforderung für die Lehrenden. In Personenorientierte Begabungsförderung. Weinheim; Basel: Beltz, 95–103.

Schwippert, Knut 2002. Optimalklassen: mehrebenenanalytische Untersuchungen; eine Analyse hierarchisch strukturierter Daten am Beispiel des Leseverständnisses. Münster: Waxmann.

Umoquit, Muriah J. u. a. 2008. The efficiency and effectiveness of utilizing diagrams in interviews: an assessment of participatory diagramming and graphic elicitation. BMC Medical Research Methodology 8, 53, 1–12.

Wischer, Beate 2010. Alles eine Frage der richtigen Einstellung? – Pädagogisches Ethos und die Widersprüche des Lehrerhandelns. Friedrich Jahresheft 28, 26–29.



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