Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Berufsbildung versus Allgemeinbildung – Taugen nationale Qualifikationsrahmen zur Überwindung traditioneller Gräben im Bildungssystem?

Von:
Engelage, Sonja; Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung, Schweiz

Session: Papersession P2/1
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 16:00 - 17:00
Ort: Fachhochschule - KeyQ
Typ: Paper
Stichworte: Berufsbildung. Nationale Qualifikationsrahmen, Governance, Kopenhagenprozess

Bildung wird seit dem Europäischen Rat von Lissabon im Jahr 2000 vorwiegend in Bezug auf den wissensbasierten Wirtschaftsraum diskutiert, der – so wird argumentiert – eine umfassende und lebenslange Bildungsanstrengung der Bevölkerung und zunehmende Mobilität erfordere. Der aus dem 2002 eingeleiteten Kopenhagenprozess hervor gegangene Europäische Qualifikationsrahmen verfolgt das Ziel, Qualifikationen in Europa grenzüberschreitend vergleichbar zu machen, die Transparenz zu erhöhen und damit die Mobilität von Arbeitskräften innerhalb Europas zu stärken. Zu diesem Zweck entwickeln viele Staaten in einem konsensualen Prozess mit der breiten Integration von Stakeholdern nationale Qualifikationsrahmen (NQR). Diese neuen Klassifikationssysteme sollen zusammenbringen, was vormals vor allem in Ländern mit starken Berufsbildungssystemen getrennt war: akademische Bildung und berufliche (Aus)Bildung.

Im Zentrum steht ein bildungspolitischer Paradigmenwechsels, der sich in einer Abkehr von inputbasierter Zertifikatsorientierung und Hinwendung zu einer Orientierung an Kompetenzen bzw. Lernergebnissen äussert, die über die Grenzen der Bildungsinstitutionen hinweg verglichen werden sollen. Das Prinzip der Outcome-Orientierung im Bildungswesen gewinnt folglich an Gewicht, Inputkriterien wie Lerndauer und Lernorte an Bedeutung verlieren. Damit soll insbesondere in dualen Bildungssystemen Transparenz und gegenseitige Wahrnehmung hinsichtlich der Lernergebnisse bislang getrennter Bildungsbereiche (akademisch, berufsbildend) hergestellt werden. “An important objective underpinning the EQF is the promotion of parity of esteem between academic, vocational or higher education routes as well as between initial and further education. In this sense, all the dimensions of the table are of equal value” (European Commission 2008: 6f). So gesehen sind NQR keine neutralen Klassifizierungssysteme, sondern Werkzeuge einer neuen Art der Governance in der Bildung (Bowker / Star 2000). Sie ordnen Elemente von Bildungssystemen in einer anderen Reihenfolge an und erzwingen damit eine Neubewertung und Hierarchisierung von Bildungswegen, die an politischen Ansprüchen rütteln und Kritik hervorrufen.

Länder mit sogenannt dualen Berufsausbildungssystemen, in denen die Ausbildung einerseits in Schulen, andererseits in Lehrbetrieben stattfindet, sind interessante Fälle für die Untersuchung von Entwicklungsprozessen von NQR. In der Schweiz, aber auch in Deutschland und Österreich beginnt eine grosse Anzahl von Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit eine Berufslehre. Die Alternative, Übertritt in die allgemeinbildende Schule (Gymnasium) mit anschliessendem Studium an einer Universität, wird dennoch häufig als attraktiver und prestigereicher angesehenen. Mit der Einführung von NQR verbindet sich unter anderem die Hoffnung, diese Wahrnehmung zu reformieren und den „wahren Wert“ (Autoren, 2017) der Berufsausbildungen auf der Sekundarstufe II und den tertiären beruflichen Qualifikationen sichtbar zu machen.

Die Entwicklung der Nationalen Qualifikationsrahmen in der Schweiz, Deutschland und Österreich ist also jeweils geprägt von einer Diskussion um die (Gleich-)Wertigkeit von beruflicher und allgemeiner bzw. hochschulischer Bildung und hat je eigene Lösungen zur Integration der zwei Bildungsbereiche gefunden. Die unterschiedliche Ausgestaltung der NQR, zum Beispiel hinsichtlich der Definition der Einreihungskriterien, und die Integration bzw. der Ausschluss bestimmter Bildungsstufen verdeutlichen dies. In diesem Beitrag soll die Diskussion anhand der verschiedenen Einführungsprozesse der Qualifikationsrahmen in den drei untersuchten deutschsprachigen Ländern hinsichtlich der involvierten Akteure, Verfahren und Konfliktlinien mit besonderem Fokus auf die Berufsbildung vertieft werden. Es wird der Frage nachgegangen, ob das Versprechen der grösseren Transparenz und die mancherorts geäusserte Hoffnung auf eine grössere Durchlässigkeit zwischen den traditionell getrennten Bildungssystemen eingelöst wurde, welche nicht-intendierten Nebeneffekte entstanden und welche unerwarteten Folgen sich aus der Einführung neuer Klassifikationssysteme ergeben bereits ergeben haben oder sich ergeben können.

Methode: Inhaltsanalyse (Dokumente), Experteninterviews



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