Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Das neue Pflichtpraktikum an kaufmännischen Schulen. Erste bundesweite Evaluierung.

Von:
Lachmayr, Norbert; öibf, Österreich
Mayerl, Martin; öibf, Österreich

Session: Papersession P1/4
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 11:00 - 12:30
Ort: Fachhochschule - Seminarraum Bene im 3. Stock
Typ: Paper
Stichworte: Evaluation, Pflichtpraktikum, HAK, HAS

AUSGANGSLAGE

Mit dem Schuljahr 2014/2015 führte das damalige Bundesministerium für Bildung und Frauen u.a. für Handelsakademien und Handelsschulen ein Pflichtpraktikum ein. Im Erlass BMBF-23.025/0002-II/3/2015 sind entsprechende Vorgehensweisen beschrieben. Das Pflichtpraktikum (kurz: PP) dient der Ergänzung und Vertiefung der in den Unterrichtsgegenständen erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten in einem Unternehmen. Weiters soll es Einsicht in soziale Beziehungen sowie betrieblich-organisatorische Zusammenhänge fördern und den SchülerInnen einen Einblick in die Arbeitswelt ermöglichen.

ZIEL DER STUDIE

Es soll ein wissenschaftlich fundierter Ausgangspunkt für eine Diskussion über Wirksamkeit und Steuerungsmöglichkeiten des neuen Pflichtpraktikums ermöglicht werden. Dabei werden (im Auftrag der AK Wien) ein zweistufiges Ziel verfolgt: Eine erstmalige, empirisch valide Dokumentation der oben genannten Intentionen („Wie erleb(t)en die SchülerInnen das PP tatsächlich“). Darauf aufbauend erfolgt eine vertiefende Auswertung mittels multivariater Analysen („Welche inhaltlichen Dimensionen tragen zur Gesamtwahrnehmung bei? Welche Klassifizierungen der SchülerInnen auf der Basis ihrer Praktikumserfahrungen können quantifiziert werden?“).

STAND DER FORSCHUNG

Empirische Analysen der Situation von PraktikantInnen summierten sich in den letzten Jahren vor allem unter dem Begriff „Generation Praktikum“ (z.B. Eichmann & Saupe, 2011; Michenthaler, 2010).

Eine der wenigen österreichweit durchgeführten Studien zum Thema der schulischen Pflichtpraktika ist eine Evaluation des HTL-Pflichtpraktikums (Schneeberger et al 2001). Bundeslandspezifische Erhebungen erfolgten für die Steiermark (Neunteufel et al 2007) sowie Oberösterreich (Auer & Rigler, 2017) oder rund um das Sparkling Science Projekt PEARL der Universität Innsbruck.

FELDARBEIT

Es erfolgte eine Vollerhebung bei allen öffentlichen HAK/HAS-Standorten in Österreich bei jenen Schulstufen, die im Sommer 2016 ein PP absolviert haben könnten. Damit wurde in der Studie der erste echte „PP-Durchlauf“ für Schulen und die betroffenen SchülerInnen erfasst. Im Online-Fragebogen wurde eine Filterführung programmiert, die es zielgruppenspezifische Fragformulierungen je nach Status bzgl. des Pflichtpraktikums erlaubte. Die klassenweise Befragung erfolgte im November/Dezember 2016. Berichtsgrundlage sind die bereinigten Antworten von 2.168 Jugendlichen mit und als Vergleichsgruppe 783 Jugendliche ohne Pflichtpraktikumserfahrung. Dies entspricht insg. einer Ausschöpfungsquote (Verhältnis Grundgesamtheit zu Nettostichprobe) von etwa 50% aller HAK/HAS-Klassen der 11. Schulstufe sowie rund 37% der entsprechenden SchülerInnen. Damit stellt die Studie eine empirisch hoch valide „Nullmessung“ zum Zeitpunkt der Einführung der PP dar.

AUSGEWÄHLTE ERGEBNISSE

Auf der Basis einer Faktorenanalyse konnten aus dem Antwortverhalten drei zentrale Dimensionen extrahiert werden, die für die Bewertung des PP aus der Sicht der Jugendlichen (unterschiedlich) bedeutsam sind: Aufgaben/Tätigkeiten, Bezahlung und Rahmenbedingungen (Arbeitszeit und Arbeitsort). Der untersuchte Zusammenhang zwischen den Dimensionen des Praktikums und der Gesamtbewertung zeigt, dass die inhaltliche Qualität des Praktikums (einschlägige, abwechslungsreiche Tätigkeiten und Aufgaben mit eigenverantwortlicher Durchführung) für die Gesamtwahrnehmung wichtiger ist, als die Bezahlung und die Rahmenbedingungen.

Des weiteren wurden bei einer Clusteranalyse vier Gruppen von SchülerInnen klassifiziert. Die daraus folgende Quantifizierung zeigt für die 2.951 SchülerInnen mehrheitlich ein positives Bild, dennoch kämpften 13% der Jugendlichen im Zuge des PP mit subjektiv wahrgenommenen und empirisch nachweisbaren Schwierigkeiten .

FAZIT

Die der Einführung des PP zugrundeliegende Intention wird von den SchülerInnen erkannt und mehrheitlich aus Sicht der Jugendlichen auch erfüllt. Dennoch zeigen die Studienergebnisse, dass einige konkrete Aspekte (z.B. unbezahlte Praktika, Dispens) noch einer bildungspolitischen Nachbetrachtung bedürfen. Dazu liefert die Studie die benötigten Diskussionsgrundlagen, basierend auf aktuellem, objektiven und validen Datenmaterial aus der Vollerhebung bei rund 3000 Schülerinnen der HAK/HAS.

QUELLEN

Auer, S. & Rigler, S. (2017). PFLICHTPRAKTIKUM IM FOKUS. Linz.

Eichmann, H.t & Saupe, B. (2011). Praktika und Praktikanten/Praktikantinnen in Österreich. Wien.

Michenthaler, G. (2010). Fair statt Prekär. Ferienjob, Praktikum & Co. Pressekonferenz, Wien.

Neunteufel, R., Strasser, E., Putz, J. & Peter, E. (2007). Pflichtpraktikum. Erprobung der Arbeitswelt: Analyse der Ist-Situation und Perspektiven für die Zukunft. Graz.

Schneeberger, A., Kastenhuber, B., Nowak, S., Blumberger, W. & Dornmayr, H. (2001). Evaluation des HTL-Pflichtpraktikums. Linz, Wien.



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