Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Wenn die Ausnahme zur Regel wird - Entstandardisierung von Berufsbiografien in der Bildungsberatung

Von:
Rischka, Michaela; entertraining, Österreich
Salzmann-Pfleger, Ingrid; Pädagogische Hochschule Wien
Zagler, Angelika; Pädagogische Hochschule Wien

Session: Papersession P2/6
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 16:00 - 17:00
Ort: Fachhochschule - Hörsaal ZKW im 3. Stock
Typ: Paper
Stichworte: Schüler_innen und Bildungsberatung, Laufbahnberatung, Übergang Schule – Arbeitswelt, Individualisierungsprozesse, Ausdifferenzierung, Berufsbiografie, AusBildung bis 18

Mit dem Wandel der industriellen Gesellschaft zu einer Dienstleistungs- und Wissens-gesellschaft ist auch eine starke Veränderung der Arbeits-welt verknüpft. So hat sich die Berufslandschaft im Laufe der letzten Jahre erheblich ausdifferenziert. Entsprechende wirtschaftliche Rahmen-bedingungen schaffen neue Berufsmöglichkeiten und erfordern in weiterer Folge auch neue Ausbildungsverläufe. Die seit den 1980er Jahren immer stärker gesellschaftlich prägenden Individualisierungsprozesse bieten einen äußerst fruchtbaren Boden für die Entstehung neuer Berufe. Aber diese Entwicklung hat auch zu einer Entstandardisierung von Bildungs- und Berufsbiografien geführt (Vgl. BMSG 2005, Mau 2015).

Damit einher geht eine zunehmende Auflösung der drei konsekutiven Phasen der schulischen Bildung, beruflichen Bildung und daran unmittelbar anschließenden Erwerbstätigkeit.

Auch der Übergang von der Schule zur Berufsausbildung verläuft zunehmend verzweigter: Nach der Schule folgt unter Umständen erst eine weitere (schulische) Ausbildung, ein Praktikum, ein Auslandsaufenthalt oder eine Anlehre. Eventuell wird daran ein Studium angeschlossen. Diese Ausdifferenzierung der Ausbildungsmöglichkeiten konfrontiert junge Menschen bei der Bildungs- und Berufswahl mit einem kaum mehr überschaubaren Angebot. Das bedeutet zwar einerseits, dass die Chancen groß sind, genau jenen berufsspezifischen Ausbildungsweg einschlagen zu können, der individuell im besten Fall den Beruf zur Berufung macht, weil er den persönlichen Interessen und Talenten passgenau entspricht, erhöht aber andererseits auch negativ den Druck, möglichst die richtige Entscheidung zu treffen, nicht zuletzt um im Verhältnis zum jeweiligen Ausgangspunkt, die bestmöglichen Job-Aussichten zu haben. Und dieser Druck ist hoch. Denn Deregulierungen am Arbeitsmarkt begünstigen die Verbreitung unterschiedlicher arbeitsrechtlicher Formate wie unselbständige Erwerbstätigkeit, Selbstständigkeit, Projektarbeit, Telearbeit, Zeit- und Leiharbeit. Diese Erwerbsformen gelten zunehmend als „gleichwertig“, sind aber oftmals mit Entkoppelung von Erwerbsarbeit und als sicher geltenden Arbeitsverhältnissen, sowie der Trennung von Berufsausbildung und sozialer Absicherung verbunden. So werden Brüche in den Erwerbbiografien, Phasen der Erwerbslosigkeit und Prekarisierung zu den großen arbeitsweltrelevanten Themen unseres Jahrhunderts.

Vor diesem Hintergrund sind gerade Bildungsberater_innen an Schulen gefragter und geforderter denn je. Gilt es doch, Jugendliche und junge Erwachsene in dieser Situation der Bildungs- und Berufswahl-entscheidung professionell zu begleiten. Denn „Eine Ausbildung bedeutet die Einleitung des Beginns der beruflichen Identitätsbildung“ (Pietsch 2012, 35) und ist eine wichtige Säule „[…] einer konstanten beruflichen (sozialen und persönlichen) Identität“ (Ebenda).

Bildungsberater_innen an Pflichtschulen sowie an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen beraten dazu Schüler_innen und deren Angehörige über mögliche Bildungsverläufe, Eingangsvoraussetzungen und zur Gestaltung individueller Berufsbiografien.

Welchen Stellenwert nimmt in der schulischen Praxis der Bildungsberatung der immer stärker werdende Individualisierungsprozess und im Besonderen die Entstandardisierung von Berufsbiografie ein?

Die geplante Studie wird erste Ergebnisse aus einem Forschungsbereich liefern, der trotz seiner Relevanz noch nicht in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses gerückt ist.

Ziel ist es, Grundlagenarbeit für die erforderliche Modifizierung von Beratungsprozesssen aber auch entsprechenden Curricula zu leisten.

Dazu wurden österreichweit Bildungsberater_innen an Pflichtschulen, berufsbildenden mittleren und höheren Schulen mittels Online-Fragebogen zu ihrer Sichtweise, dem individuellen Zugang zu Themen wie Entstandardisierung und Individualisierungsprozess befragt. Die Auswertung der Rückläufe ist mit Anfang/Mitte März geplant.

Den Ergebnissen aus den Rückläufen werden die Ergebnisse aus teilnarrativen Interviews mit ExpertInnen aus den zuständigen ministeriellen Abteilungen zur Seite gestellt, um die aktuellen Tendenzen in der Bildungsberatung an Schulen in Bezug auf die Reflexion und Rezeption veränderte gesellschaftlicher Rahmenbedingungen umfassend darstellen zu können. Die Auswertung erfolgt mittels qualitativer Inhaltsanalyse.

Literatur (Auswahl):

Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz BMSG (Hg.) (2005): Kurzfassung „Jugend und Beschäftigung“. Wege in die Arbeitswelt: Eine Problem- und Bedarfsanalyse, Institut für Jugendkulturforschung, [online] http://www.bmgfj.gv.at/cms/site/attachments/0/5/1/CH0468/CMS1134494594020/kurzfassung_jugend_beschaeftigung.pdf [20.12.2017].

Mau, Steffen (2015): Der Lebenschancenkredit. Ein Modell der Ziehungsrechte für Bildung, Zeitsouveränität und die Absicherung sozialer Risiken. WISO direkt, Oktober 2015, Friedrich Ebert Stiftung, Bonn, 1-4.

Pietsch, Wenke (2012): Jugend ohne Arbeit (K)ein Problem. Hamburg: Diplomica Verlag.



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