Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Selbstbestimmung in der Berufswahlentscheidung fördern – Entwicklung innovativer Testverfahren und Beratungskonzepte als Schlüssel für eine inklusive Berufsorientierung

Von:
Weißmann, Regina; Katholische Universität Eichstätt-Ingolststadt, Deutschland
Thomas, Joachim; Katholische Universität Eichstätt-Ingolststadt, Deutschland
Bartosch, Ulrich; Katholische Universität Eichstätt-Ingolststadt, Deutschland

Session: Papersession P1/5
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 11:00 - 12:30
Ort: Fachhochschule - Seminarraum LeitnerLeitner + Seminarraum OÖNachrichten im 3. Stock
Typ: Paper
Stichworte: Berufliche Inklusion, Berufliche Interessen, Berufliche Beratung, Berufswahlentscheidung, Selbstbestimmung

Inklusion macht es sich zur Aufgabe, vorherrschenden Formen von Ausgrenzung eine Kultur entgegenzusetzen, die allen Menschen die Möglichkeit zur Partizipation am gesellschaftlichen Leben gewährleistet. Insbesondere der Lebensbereich Beruf gilt als einer der wichtigsten Grundbausteine für gesellschaftliche Partizipation – einerseits durch die Komponente der Einkommenserzielung, welche dem Individuum Handlungsspielraum und die Möglichkeit zur Selbstbestimmung bietet und andererseits als Sozialisierungsinstanz und identitätsstiftende Komponente. Ziel muss es deshalb sein, Jugendliche und junge Erwachsene zu befähigen, eine begründete Berufswahlentscheidung zu treffen, die ihren individuellen Interessen und Fähigkeiten gerecht wird. Dabei ist festzuhalten, dass junge Menschen nur in den seltensten Fällen bereits von Beginn ihrer beruflichen Orientierung an über ausreichend gefestigte berufliche Interessen verfügen und sich mit der steigenden Komplexität des Ausbildungssystems und Menge an verfügbaren Ausbildungsberufen konfrontiert sehen. Insbesondere Jugendliche mit kognitivem und sprachlichem Förderbedarf zeigen erhöhte Schwierigkeiten bei der Bewältigung der Anforderungen in der Berufswahlentscheidung. Ursachen zeigen sich darin, dass die Jugendlichen in ihrem bisherigen Leben nur wenige eigenständige Entscheidungen getroffen haben, sondern in vielen Bereichen Fremdbestimmung durch ihr soziales Umfeld erfahren haben. Zudem haben sie häufig eine negative Lern- und Leistungssozialisation erfahren und sind sich dementsprechend vor allem ihrer Schwächen und Kompetenzdefizite, nicht jedoch ihrer beruflichen Interessen und individuellen Ressourcen und Begabungspotenziale bewusst.

Die vorliegende Studie widmet sich der Frage, wie man den besonderen Bedürfnissen Jugendlicher mit kognitivem und sprachlichem Förderbedarf im Rahmen ihrer Berufswahlentscheidung gerecht werden kann. Ziel ist es, im Sinne inklusiver Bildung vergleichbare Ausgangsbedingungen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Jugendlichen für eine selbstbestimmte, fundierte Berufswahlentscheidung zu schaffen. Mit Hilfe eines computerbasierten Self-Assessment-Instruments für Jugendliche im Prozess der Berufswahlentscheidung im Allgemeinen sowie junge Menschen mit kognitivem und sprachlichem Förderbedarf im Besonderen soll der Zielgruppe der Zugang zu ihren beruflichen Interessen, Werthaltungen und berufsrelevanten Persönlichkeitsfaktoren ermöglicht werden.

Die Sichtung vorhandener psychometrischer Verfahren zeigt, dass diese hinsichtlich ihrer inhaltlichen und sprachlichen Komplexität, ihres Abstraktionsgehalts sowie des fehlenden Lebensweltbezugs nur in sehr eingeschränktem Maße für Personen mit kognitivem und sprachlichem Förderbedarf geeignet sind. Für den vorliegenden bildbasierten Interessentest wurden deshalb Fotos ausgewählt, die der Lebenswelt der Zielgruppe entsprechen und eine eindeutige Zuordnung der abgebildeten Tätigkeiten ermöglichen. Das computerbasierte Verfahren ermöglicht die Einschätzung des beruflichen Interesses in insgesamt 10 Tätigkeitsfeldern (1. Landwirtschaft, Garten- und Landschaftsbau, 2. Ernährung, Gastronomie, Hauswirtschaft, 3. Gestalterisches Handwerk, 4. Bauwesen, Innenausbau, Holztechnik, 5. Industrie, Technik, 6. Handel, Verwaltung, Wirtschaft, 7. Verkauf, 8. Erziehung und Soziales, 9. Mathematik, Informatik, Natur, Technik, 10. Kosmetik und Schönheit). Darüber hinaus ist es möglich, verschiedene bereichsunabhängige Basisinteressen zur Präzisierung der beruflichen Interessen heranzuziehen. Diese beschreibend die im Bildmaterial gezeigten Tätigkeiten zusätzlich hinsichtlich sechs Dimensionen (grob/fein, einfach/komplex, körperlich leicht/schwer, sauber/schmutzig, innen/außen, viel/wenig Kontakt zu Menschen).

In einer ersten Erhebung führten Jugendliche und junge Erwachsene (N=239) im Alter von 13 bis 20 Jahren den bildbasierten Berufsinteressentest sowie den Foto-Interessen-Test (Stoll, Jungo & Toggweiler, 2012) durch. Die Stichprobe wurde in inklusiven Schulen und berufsvorbereitenden Maßnahmen, die von Schülerinnen und Schülern mit kognitivem und sprachlichem Förderbedarf besucht werden, rekrutiert. Die Ergebnisse bestätigen die Reliabilität und Validität der verschiedenen Interessenbereiche. Die zweite Erhebung widmete sich der Implementierung des Verfahrens in verschiedene institutionelle Settings sowie der Entwicklung von Methoden zum direkten Ergebnis-Feedback und dessen Einbindung in ein exploratives Beratungssetting. Teilgenommen haben hierbei N=200 Schülerinnen und Schüler aus bayerischen Mittelschulen, Förderzentren und Berufsbildungswerken. Die Ergebnisse der Evaluation zeigen, dass der innovative Charakter des Instruments - gepaart mit direktem Feedback und anschließendem Beratungsgespräch - Jugendliche und junge Erwachsene dabei unterstützen zu Expertinnen und Experten ihres eigenen Lern- und Entscheidungsprozesses zu werden und eine selbstbestimmte Berufswahlentscheidung zu treffen.



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