Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Thematisches Forum

Fachkräftemangel: Ausprägungen, Hintergründe und Konsequenzen

Von:
Kargl, Maria; 3s Unternehmensberatung, Österreich
Vogtenhuber, Stefan; Institut für Höhere Studien
Löffler, Roland; Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung
Schmid, Kurt; Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft
Platzer-Werlberger, Sabine; AMS Tirol - Landesgeschäftsstelle
Leidl-Krapfenbauer, Ilse; AK Wien
Schneider, Melina; WKO

Session: Thematisches Forum F9
Zeit: Freitag, 6.7.2018, 14:00 - 15:30
Ort: Museum Arbeitswelt - Großer Saal
Typ: Thematisches Forum
Stichworte: Fachkräftemangel, Qualifikationsbedarf, Digitalisierung, Mismatch, Messung von Fachkräftebedarf

In Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs häufen sich mediale Berichte, dass „händeringend“ Fachkräfte gesucht werden. Zugleich werden kurze Besetzungszeiten bei offenen Stellen berichtet, und so mancher Position, die schwer zu besetzen ist, steht eine hohe Zahl von Arbeitslosen desselben Berufs gegenüber. Worum geht es also, wenn Unternehmen klagen, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre offenen Stellen zu besetzen?

Das Forum setzt sich das Ziel, das Schlagwort kritisch zu hinterfragen und die vielfältigen Ursachen für Rekrutierungsprobleme einer differenzierten Betrachtung zu unterziehen. Dazu stellen sich folgende Fragen:

_Was ist Fachkräftemangel? Welche Sichtweisen auf den Begriff gibt es, und wie ist er in den Kontext von ähnlichen Begriffen wie Arbeitskräftemangel, Qualifikationsbedarf, Mismatch oder Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt eingebettet?

_Wie wird Fachkräftebedarf gemessen, und woran wird ein Mangel festgemacht? Welche Probleme zeigen sich bei den verschiedenen Messmethoden?

_Welche Fachkräfte fehlen, und wo fehlen sie? Fehlen Arbeitskräfte, oder fehlen den Arbeitskräften bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse?

_Was sind die Gründe für Ungleichgewichte, Mängel und Rekrutierungsschwierigkeiten?

… und nicht zuletzt: Welche Konsequenzen für das Bildungs- und Qualifizierungssystem sollten gezogen werden?

Dazu sind vier kurze fachliche Inputs geplant.

Stefan Vogtenhuber: Probleme der Messung von Fachkräftemangel und Mismatch

Viele der Befunde zum Thema Fachkräftemangel stützen sich entweder auf eine Gegenüberstellung von offenen Stellen und gemeldeten Arbeitslosen (Stellenandrang) oder auf Befragungen von Betrieben bzw. HR-Experten (Rekrutierungsprobleme). Die darin verwendeten Methoden unterscheiden sich jeweils hinsichtlich der Definition und Operationalisierung des Phänomens. Im Ergebnis beleuchten die Befunde einzelne Teilbereiche der Angebots-Nachfrage-Relation und bilden damit eher eine bestimmte Problemsicht ab als den objektiven Tatbestand eines Mangels. Die Verfügbarkeit von Arbeitskräften hängt aber auch von strukturellen Bedingungen ab, sodass sich die Frage stellt, ob zu wenige Personen mit bestimmten Qualifikationen vorhanden sind, oder ob sie ihre Arbeitskraft zu den gegebenen Bedingungen zurückhalten. Der Beitrag skizziert beispielhaft diese Probleme vor dem Hintergrund der Kluft zwischen aktuellem Wissensstand und dem Wissensbedürfnis (Stichwort Prognosen zum Qualifikationsbedarf) und folgt dabei der Literatur, wonach eine angemessene Einschätzung der Situation die Kombination von Informationen der Mikro- und Makroperspektive erfordert. Zum Schluss reflektiert der Beitrag die Relevanz der Befunde für die Berufsbildung.

Maria Kargl: Wem fehlen die Fachkräfte? Was fehlt den Fachkräften?

In einer qualitativen Befragung von BranchenexpertInnen zum aktuellen und kurzfristigen Qualifikationsbedarf konnten differenzierte und sehr unterschiedliche Ausprägungen von Fachkräftemangel und Mismatch beobachtet werden. Der Beitrag versucht das breite Spektrum der Problematik darzustellen, indem die Ergebnisse der Befragung auf die zentralen Aspekte und Ebenen abgeklopft werden. Ungleichgewichte und Fachkräftebedarf werden anhand zentraler Kategorien analysiert:

_Nach Branchen bzw. Tätigkeit

_Nach Qualifizierungsebene bzw. Qualifikationen

_Qualifikationsdefizite, Skill gaps; veraltete Kompetenzen

_Regionale Ausprägungen, Mobilität

_Auswirkungen globaler Trends, v.a. Digitalisierung

_Strukturelle Bedingungen, Arbeitsplatzbedingungen.

Entlang dieser Kategorien zeigen sich (z.T. beträchtliche) Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Die Beispiele dienen dazu, den Blick für eine breite Betrachtung des Schlagwortes Fachkräftemangel zu weiten, bevor in den beiden folgenden Beiträgen auf spezifische Aspekte fokussiert wird.

Kurt Schmid: Veränderte Arbeitswelten – veränderte Qualifizierungswege?

Der Beitrag legt den Fokus auf die möglichen Konsequenzen der Änderungen in der Arbeitswelt für das österreichische Qualifizierungssystem. Ausgehend von einem Rundumblick auf die wichtigsten Antriebsfaktoren aus internationaler Sicht werden Megatrends wie Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung kurz kritisch beleuchtet.

Basierend auf Ergebnissen der IV-Mitgliederbefragung 2016 geht der Vortrag von einer Bedeutungszunahme höher qualifizierter Tätigkeiten als Kern der Veränderung aus. Vor allem für die mittlere Fachkräfteebene ist dies sehr relevant, wobei Höherqualifizierung jedoch nicht mit Akademisierung gleichzusetzen ist. Bei den Anforderungen an Arbeitskräfte betreffen die Änderungen v.a. komplexere Aufgabenspektren, geänderte Arbeitsorganisation (mehr Teamwork und Projektarbeit) und umfassenderes Know-how über betriebliche Prozesse. Als Konsequenzen für das österreichische Qualifizierungssystem ergeben sich einerseits die Notwendigkeit von mehr schulischer Qualifizierung (da mehr Fachkenntnisse gefordert sind), andererseits aber auch die Notwendigkeit von mehr betrieblich vermittelter Qualifizierung (da profunderes Verständnis von Wertschöpfungsprozessen notwendig ist). Dies macht neue Lernkooperationen zwischen (Hoch-)Schulen und Firmen notwendig, somit sowohl eine „Dualisierung“ der schulischen Berufsbildung (und der Hochschulbildung) als auch eine „Schoolisation“ der Lehre.

Roland Löffler: Fachkräftemangel, Ausbildung und Rekrutierung in Dienstleistungsbranchen

Von Fachkräftemangel ist nicht nur in der Technik und in Produktionsbereichen die Rede. Für Dienstleistungsbranchen wie Tourismus und Gastgewerbe, aber auch für Medizin und Pflege werden ebenfalls Fachkräftemangel und Qualifikationsungleichgewichte berichtet. Wenn auch Trends wie Globalisierung, Alterung der Gesellschaft und Digitalisierung auf alle Bereiche der Arbeitswelt wirken, so sind doch die Auswirkungen auf Dienstleistungsbranchen sehr spezifisch und z.T. grundlegend anders als in Produktionsbranchen. Auch die strukturellen Bedingungen unterscheiden sich. In der Pflege ebenso wie im Tourismus oder in der Gastronomie können Tätigkeiten z.B. bei Besetzungsschwierigkeiten nicht so einfach in andere Länder verschoben werden, in denen die benötigten Fachkräfte vielleicht ausreichend verfügbar sind. Sehr wohl aber können Arbeitskräfte aus anderen Ländern angeworben werden.

Der Beitrag befasst sich mit den Ausprägungen des Fachkräftemangels und mit den Ursachen von Rekrutierungsschwierigkeiten in Dienstleistungsbereichen. Demographische Hintergründe (alternde Gesellschaft) werden ebenso beleuchtet wie die spezifischen Ausprägungen der Digitalisierung in Dienstleistungsberufen. Auch die Strategien, mit denen Unternehmen den Besetzungsproblemen begegnen, und mögliche Konsequenzen für die Berufsbildung bzw. für (Höher-)Qualifizierungsmaßnahmen werden thematisiert.

Ziel des Forums ist es, Fachkräftebedarf und Fachkräftemangel vor dem Hintergrund anhaltender (Mega-)Trends (Digitalisierung, Globalisierung; alternde Gesellschaft) differenziert zu durchleuchten und mögliche Konsequenzen für das österreichische Qualifizierungssystem zu diskutieren. Nach den Vorträgen werden die präsentierten Befunde, Strategien und Lösungsvorschläge in einer erweiterten Podiumsrunde zusammengeführt. Abschließend gibt es Gelegenheit zum Austausch zwischen Publikum und Podium.

DiskussionsteilnehmerInnen:

Ilse Leidl-Krapfenbauer, AK Wien; Roland Löffler, ÖIBF; Sabine Platzer-Werlberger, AMS Tirol; Kurt Schmid, ibw; Melina Schneider, WKO; Stefan Vogtenhuber, IHS.

Moderation: Maria Kargl

Quellen:

Auer, Eva/Wach, Iris (2017): Arbeitsmarktlage 2016. AMS Österreich.

Bliem, Wolfgang/Seyer-Weiss, Silvia/Kargl, Maria (2017): Qualitative Erhebungen zum Arbeitsmarktbedarf für das AMS-Qualifikations-Barometer. AMS Österreich.

Cedefop (2016): Fachkräftemangel und –überschuss in Europa. Nach welchen Berufen eine hohe Nachfrage besteht und warum – Erkenntnisse des Cedefop. Kurzbericht - 9115 DE.

Dornmayr, Helmut/Litschel, Veronika/Löffler, Roland (2016): Bericht zur Situation der Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung in Österreich 2014-2015. Forschungsbericht von ibw und öibf im Auftrag des BMWFW. Wien.

Fink, Marcel/Titelbach, Gerlinde/Vogtenhuber, Stefan/Hofer, Helmut (2015): Gibt es in Österreich einen Fachkräftemangel? Analyse anhand von ökonomischen Knappheitsindikatoren; Endbericht. [Research Report].

Schmid, Kurt/Winkler, Birgit/Gruber, Benjamin (2016): Skills for the Future. Zukünftiger Qualifizierungsbedarf aufgrund erwarteter Megatrends. ibw-Forschungbericht Nr. 187. Wien



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