Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Thematisches Forum

Bildung – Beruf – Identität

Von:
Luttenberger, Silke; Bundeszentrum für Professionalisierung in der Bildungsforschung, Pädagogische Hochschule Steiermark
Dreisiebner, Gernot; Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Wirtschaftspädagogik
Stock, Michaela; Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Wirtschaftspädagogik
Tafner, Georg; Bundeszentrum für Professionalisierung in der Bildungsforschung, Pädagogische Hochschule Steiermark und Humboldt-Universität zu Berlin
Ertl, Bernhard; Universität der Bundeswehr München, Department für Bildungswissenschaft
Paechter, Manuela; Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Psychologie

Session: Thematisches Forum F8
Zeit: Freitag, 6.7.2018, 14:00 - 15:30
Ort: Fachhochschule - Seminarraum Bene im 4. Stock
Typ: Thematisches Forum
Stichworte: Berufsorientierung, Duale Ausbildung, Rollenerwartungen, Identität

Die Entscheidung für einen Beruf gehört sicherlich zu den wichtigsten Lebensentscheidungen, stellt doch der Beruf eine wichtige Komponente für die Konstituierung der eigenen Identität dar. Die Berufswahl will also gut überlegt sein. Für das Individuum geht es darum, die eigene Rolle innerhalb der Gesellschaft zu finden, ohne dabei jedoch ausschließlich vorgefertigte Rollenerwartungen zu übernehmen. Moreno (1943) stellt diesem role taking die Begriffe des role playing (welches die Möglichkeit zur Gestaltung der eigenen Rolle einräumt) und role creating (die Kreation einer völlig neuen Rolle) gegenüber. Als übergeordneter Aspekt steht für das Individuum im Hintergrund der Berufsfindung das Erfordernis, den eigenen Sinn zu finden, die eigene Identität (Petzold, 1982) zu konstruieren. Für diesen Prozess der Identitätskonstruktion bedarf es vor allem an Selbstkompetenz (Prandini, 2001), etwa der Fähigkeit zu einer realistischen Selbstwahrnehmung oder das eigene Verhalten an ethisch-moralischen Werten auszurichten. Bildung – als Basis für Wissenserwerb und Kompetenzentwicklung – avanciert somit zu einem wichtigen Baustein auf dem Weg, die eigene Identität in einem lebenslangen Prozess auszuformen.

Gegenwärtige Strukturdaten zur Lehrlingsausbildung in Österreich legen jedoch den Schluss nahe, dass im Zuge der Berufsfindung von Jugendlichen häufig gesellschaftlich vordefinierte Rollen übernommen werden, anstatt die eigene Rolle selbsttätig auszugestalten. So finden sich tradierte Rollenmuster etwa in einer Konzentration der Lehrlinge auf männlich assoziierte Lehrberufe (u.a. Handwerk, Technik) und weiblich assoziierte Lehrberufe (u.a. Einzelhandel, Büro) wieder. Zudem zeigen sich – insbesondere für das in einem Berufsfeld unterrepräsentierte Geschlecht – hohe Lehrabbruchquoten (Dornmayr & Nowak, 2017), welche sowohl die Nichttrivialität von Berufsfindungsprozessen als auch die praktischen und politischen Implikationen des Problemfeldes unterstreichen. In der gegenwärtigen Forschung zu Berufsorientierung – sowohl in nationaler als auch in internationaler Hinsicht – wird die Gruppe der Jugendlichen, die eine Ausbildung anstreben, insgesamt jedoch bislang kaum berücksichtigt.

Forschung und Erfahrungen aus den Projekten der Antragsteller/innen für dieses thematische Forum (u.a. Paechter et al., 2017) zeigen, dass die Entscheidung für einen Beruf in der Regel von großen Unsicherheiten begleitet wird. Dies wirkt sich für die betroffenen jungen Menschen in unterschiedlicher Weise aus. So werden Entscheidungen über einen langen Zeitraum immer wieder revidiert, die Entscheidungsphase selbst ist von Unsicherheit und Zweifeln geprägt oder eine bereits begonnene Ausbildung wird womöglich abgebrochen. Das Ergebnis dieses somit oftmals von Diskontinuitäten geprägten Berufsfindungsprozesses stellt gerade aufgrund der auftretenden Unsicherheiten eine wichtige Komponente der eigenen Identität dar. Berufswahlentscheidungen erscheinen daher prädestiniert, eine Standortbestimmung im Spannungsfeld von Bildung, Beruf und Identität vorzunehmen sowie Prozesse der Konstituierung von Identität zu veranschaulichen.

Im beantragten thematischen Forum wird die Bedeutung des Berufs für die Konstituierung der eigenen Identität aus einer interdisziplinären Perspektive diskutiert. Basierend auf Material aus einem konkreten Projekt der Antragssteller/innen (Paechter et al., 2017) erfolgt eine exemplarische Darstellung dieser Konstruktionsprozesse am Beispiel der Berufsfindung von Jugendlichen. Das Projekt verschränkt – einem Mixed-Methods-Ansatz folgend – Erkenntnisse aus quantitativen und qualitativen Erhebungen unter Jugendlichen, welche einen Lehrberuf anstreben. Aufbauend auf den Projektergebnissen werden Unsicherheiten und Orientierungsschwierigkeiten als individuelle und soziale Herausforderungen aus einem mehrperspektivischen Zugang heraus diskutiert (u.a. Luttenberger, Ertl & Paechter 2016).

Um dem Anspruch einer interdisziplinären Auseinandersetzung im Spannungsfeld Bildung – Beruf – Identität gerecht zu werden, werden im beantragten thematischen Forum die folgenden Beiträge zusammengeführt:

PD HS-Prof. Dr. Georg Tafner (Bundeszentrum für Professionalisierung in der Bildungsforschung, Pädagogische Hochschule Steiermark und Humboldt-Universität zu Berlin) spannt in einem thematischen Aufriss den Bogen von der Berufsbildungstheorie über das Konstrukt Identität (Petzold, 1982) und dem Erfordernis der Übernahme gesellschaftlich vordefinierter Rollen (Moreno, 1943) bei der Berufswahl. Deutlich wird hierbei insbesondere die Bedeutung des Berufs für die Konstituierung der eigenen Identität.

Im Beitrag von Gernot Dreisiebner, BSc. MMSc. (Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Wirtschaftspädagogik) werden die Inhalte des vorangegangenen Beitrages exemplarisch mit Beispielen aus der Berufsfindungspraxis von Jugendlichen hinterlegt. Nachdem sich Identität erst in Interaktionsprozessen über Sprache ausformt (Krappmann, 2016), erscheint zu diesem Zweck ein Zugang via Erzählungen über Berufsfindungsprozesse als geeignet. Anhand von mit jugendlichen Lehrberufseinsteiger/inne/n geführten Interviews (Dreisiebner, Luttenberger, Tafner, Stock & Paechter 2017) werden jene Prozesse der Identitätskonstruktion dargestellt, welche sich in den Erzählungen der Jugendlichen offenbaren.

HS-Prof. Dr. Silke Luttenberger (Bundeszentrum für Professionalisierung in der Bildungsforschung, Pädagogische Hochschule Steiermark), Univ.-Prof. Dr. Manuela Paechter (Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Psychologie) und Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ertl (Universität der Bundeswehr München, Department für Bildungswissenschaft) stellen Ergebnisse aus den quantitativen Studien des Projekts ‚Geschlechtsstereotype Berufsentscheidungen bei Jugendlichen, die einen Lehrberuf anstreben: ein individuelles und ein gesellschaftliches Problem‘ vor (Paechter et al. 2017). Hierfür wurde über mehrere Erhebungszeitpunkte hinweg eine umfangreiche Stichprobe von Schülerinnen und Schülern (t1: N = 576) an Polytechnischen Schulen befragt. Anhand der von den Jugendlichen wahrgenommen Hindernisse beim Verfolgen ihres Berufswunsches werden Unsicherheiten und Orientierungsschwierigkeiten bei der Berufswahl thematisiert.

Im Rahmen einer abschließenden – von Univ.-Prof. Dr. Michaela Stock (Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Wirtschaftspädagogik) moderierten – Diskussion soll nicht nur eine Gegenüberstellung der erlangten Einsichten aus Theorie und Forschungspraxis erfolgen, sondern auch eine interdisziplinäre Annäherung an die für die Konferenz titelgebende (Un)Gleichung „Bildung = Berufsbildung?!“ vollzogen werden. Im Dialog mit dem Publikum werden mögliche Leitlinien für das Verhältnis von Bildung und Berufsbildung erarbeitet, die Bedeutung des Beruflichen für die Konstituierung der eigenen Identität sowie das hieraus folgende Erfordernis einer Begegnung von Unsicherheiten und Orientierungsschwierigkeiten bei der Berufswahl im Rahmen des Berufsorientierungsunterrichts.



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