Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Thematisches Forum

Kritisch-reflexive Erkundungen der (österreichischen) Erwachsenenalphabetisierung und Basisbildung

Von:
Schlögl, Peter; Universität Klagenfurt, Österreich
Kastner, Monika; Universität Klagenfurt, Österreich
Cennamo, Irene; Universität Klagenfurt, Österreich
Muckenhuber, Sonja; B!LL – Institut für Bildungsentwicklung Linz

Session: Thematisches Forum F11
Zeit: Freitag, 6.7.2018, 14:00 - 15:30
Ort: Museum Arbeitswelt - Mittlerer Saal
Typ: Thematisches Forum
Stichworte: Basisbildung, Erwachsenenbildungstheorie, Partizipative Forschung, Lebenswelt, Literalität

Theoretische Einsichten und empirische Zugänge zu „Literalität/en“ und Diskurse über Benachteiligte als Anreiz für eine breite – gesellschafts- und wissenschaftskritische – Diskussion sind Inhalte des thematischen Forums. Dieses regt eine kritische Reflexion zu (Basis)Bildung und -bedarf – vielleicht auch abseits „eingefahrener“ wissenschaftlicher und (ökonomisch-)ideologischer Pfade – an und versucht eine mögliche inhaltliche (Neu)Besetzung der Begrifflichkeit/en in Zusammenhang mit beruflicher Bildung einer breiteren gesellschaftlichen Diskussion zu unterziehen. Es geht grundsätzlich um den Versuch einer Dekonstruktion von Macht- und Herrschaftssemantiken im Rahmen der Konzeption und Umsetzung von Lern- und Bildungsangeboten. Dies erfolgt unter Bezugnahme auf lern- und bildungstheoretische Fundament, die aktuelle bildungspolitische Programmatik und deren Genese sowie am Beispiel eines partizipativ angelegten Forschungsprojektes in der Basisbildung. Ziel ist die gemeinsame Reflexion sich ergebender Dilemmata für Wissenschaft/Forschung, Bildungssteuerung und Bildungspraxis. Folgende Fragen sollen dabei debattiert werden:
- Sind die ambitionierten Zielbegriffe (Emanzipation, Transformation, …) der Basisbildungsarbeit realistisch hinsichtlich der alltäglichen Ausgangspunkte von Bildungsprozessen und der verfügbaren Ressourcen?
- Welche Beiträge kann die Basisbildung mit ihrem programmatischen Streben nach einer ganzheitlichen Menschenbildung (offene Lernziele/TeilnehmerInnenorientierung) zur Frage „nach dem Allgemeinen im Beruflichen und dem Beruflichen im Allgemeinen“ leisten? Welche Basisbildung, wie, wo und für wen im Alltag und im Beruf wird intendiert?
- Inwiefern lässt sich „wahre“ Mitsprache und Teilhabe aller Beteiligten u.a. in der wissenschaftlichen Wissensproduktion oder -kommunikation gewährleisten? Wann/wo ist mehr Mitsprache erwünscht/möglich und wo lässt sich dieses „Versprechen“ (noch) schwer einlösen?

Der erwartete Erkenntnisgewinn ist, gewohnte Sichtweisen auf Bildungsbedarfe, auf erfahrungs- und alltagsbasierte Wissensproduktionen und auf die eventuell zu „Bildenden“ zu reflektieren, gemeinschaftliche - individuelle, strukturelle und bildungspolitische - Transformationsprozesse anzudenken, um soziale und berufliche Teilhabe aller Beteiligten und daher gesellschaftliche Mündigkeit der BürgerInnen zu verbessern.

Der Bogen wird anhand von drei Einzelbeiträgen aufgespannt.

Im ersten Beitrag wird Irene Cennamo Lernen in und an der Lebenswelt anhandlern- /bildungstheoretischer Explorationen im Rahmen von Erwachsenenalphabetisierung und Basisbildung thematisieren.

Erfahrungslernen und transformatorische Bildung durch Reflexion werden in verschiedenen Konzeptionen des Lernens (und der Bildung) unterschiedlich gefasst, z.B. bei Faulstich (2014), im phänomenologischen Lerndiskurs bei Meyer-Drawe (2012), in der subjektwissenschaftlichen relationalen Perspektive von Künkler (2011), in der (neo)subjektwissenschaftlichen Lesart von Lernen bei Grotlüschen (2015), (vgl. u.a. Kastner, Cennamo, Motschilnig 2017). In Folge der kritisch-reflexiven Wende (vgl. Beck, Giddens & Lash 1996) sind an die Stelle von kognitiven und konstruktivistischen Ansätzen (wieder) emotionale, soziale und (lebens-)praktische Dimensionen des Lernens (Dewey 1985, Gramsci 1949, Freire 1987, Mezirow 2012) gerückt. Bedeutsam ist in allen die pädagogische Betrachtungsweise von Lernen (siehe Göhlich, Zirfas & Wulf 2014). So bezieht sich beispielsweise u.a. Koller (2011) auf die Neufassung und empirische Qualität des Humboldt’schen Bildungsbegriffs nach Kokemohr (2007). Die im Beitrag dargelegten (an der Lebenswelt orientierten) Lernkonzepte legen unterschiedliche epistemologische Prämissen an und sind in unterschiedlichen Theoriegebäuden verortet. Sie berühren sich aber alle in der Grundannahme einer tiefgreifenden Lernerfahrung, die durch Narration und kollektive Reflexion transformative Prozesse ermöglicht. Diese alle sind (vielleicht) um das Moment des „Umlernens“ (Meyer-Drawe 1996) erweitert und werden eher durch (lebens- und arbeitsnahe) Inzidente, Irritationen, Perturbationen als diskrepante Erfahrungen zum Gewohnten oder Habituellen angestoßen, als dass sie durch angeleitete Lern- Lehrarrangements initiiert werden können.

Im zweiten Beitrag stellt Peter Schlögl Genese und aktuelle Situation der Programmatik von Erwachsenenalphabetisierung und Basisbildung in Österreich vor. Zur Kontextualisierung des Forums erfolgt eine Kurzdarstellung der Genese und Skizze der aktuellen Situation der Programmatik von Erwachsenenalphabetisierung und Basisbildung in Österreich. Es werden die praktischen, wissenschaftlichen und bildungspolitischen Anfänge sowie erkennbare Entwicklungsphasen und Fragestellungen im österreichischen Diskurs anhand einschlägiger Publikationen und Studien nachgezeichnet. Es zeigt sich dabei, dass diese Entwicklung nicht theorielos, aber wesentlich an Akteurinnen der Praxis gebunden war und blieb. Zudem wird erkennbar, dass die gesetzten Initiativen didaktisch deutlich über sprachwissenschaftliche oder fachdidaktische Fragen des Erst- und Zweitspracherwerbs hinausreichen. (mit engem Bezug zum Feld siehe Aschemann, 2011; Ergert, 2011; Dergovits, 2010). Auch wird ein Ringen um eine nicht stigmatisierende, nicht beschämende, antidiskriminierende Sprache (Kastner, 2011; Schlögl, 2011; Schlögl & Loos, 2011) in der Konzeption und Bildungssteuerung erkennbar.

Im dritten Beitrag stellt Monika Kastner Einsichten aus dem „Forschungskurs Lernen“ vor und fragt nach Transformation(en) durch partizipatives Forschen. Ziele und Begründungen für Community-basierte partizipative Forschung (von Unger 2014) spiegeln sich im österreichischen Qualitätsverständnis für Basisbildung – Selbst-Ermächtigung, TeilnehmerInnen- und Lebensweltorientierung, kritisch-emanzipatorischer „Geist“ (Cennamo, Kastner & Schlögl 2018) – wider. In einem aktuell laufenden Forschungsprojekt, das in Kooperation mit drei großen Basisbildungsanbietern umgesetzt wird, forschen Kurs-/Programmverantwortliche, Basisbildungskursteilnehmende und „Berufswissen¬schaftle-rinnen“ im „Forschungskurs Lernen“ gemeinsam. Mit diesem partizipativen Zugang kann die Figur des „competent comrade“ (Belzer & Pickard 2015) gestärkt werden, und dialogisches Sprechen und gemeinsames Forschen in einem sicheren Raum (Bergold & Thomas 2012) ermöglicht (vermutlich) qualitativ andere Erkenntnisse als konventionelle sozialwissenschaftliche Forschung. Wir gehen mit dem lerntheoretischen Analyserahmen der „Transformative Learning Theory“ (Mezirow 2012; Taylor & Cranton 2013) davon aus, dass partizipatives Forschen als (kollektiver) Lernprozess alle Beteiligten verändern kann (Transformation, statt: Formation). Lerntheoretische Annahmen und forschungs-methodologische und -praktische Erfahrungen (Beobachtungen, Widersprüche, Dilemmata) aus dem laufenden Forschungsprojekt werden zur Diskussion gestellt.

Nach diesen drei Einzelbeiträgen wird Sonja Muckenhuber als Respondentin Bezug auf die Inhalte nehmen. Sonja Muckenhuber ist Expertin für Basisbildung, österreichische Staatspreisträgerin für Erwachsenenbildung 2015 und aktuell Heftherausgeberin des Magazin erwachsenenbildung.at zum Thema „Being Basisbildung“ – Zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung.

Danach folgt eine strukturierte Diskussion mit den ZuhörerInnen anhand von Fragen, Thesen, Schlüsselwörtern und sich ergebenden Dilemmata, die während der Einzelbeiträge und des Kommentars der Respondentin dokumentiert wurden.

In den Präsentationsunterlagen ist auch die Literaturliste enthalten und wird über die Konferenzdokumentation zugänglich gemacht werden.



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