Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Poster

Bildungsinnovationen für nicht formal Qualifizierte – Entwicklung und Etablierung neuer Weiterbildungssettings

Von:
Kretschmer, Thomas; Forschungsinstitut Betriebliche Bildung, Deutschland
Dauser, Dominique; Forschungsinstitut Betriebliche Bildung, Deutschland

Session: Postersession
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 13:00 - 14:00
Typ: Poster
Stichworte: nicht formal Qualifizierte, neue Lernformen, Bildungsinnovation, Teilqualifikation

Ausgangslage

Nicht formal Qualifizierte (nfQ) sind (erwerbsfähige) Personen ohne Abschluss eines formalen beruflichen Bildungsgangs (Bundesinstitut für Berufsbildung 2016, 285) bzw. Personen, deren beruflicher Abschluss nicht (mehr) verwertbar ist. Dies sind in Deutschland etwa 1,93 Millionen Personen im Alter von 20 bis 34 Jahren (13,3 % der Altersgruppe). Von ihnen haben nur 21,1 % keinen Schulabschluss; 15,5 % besitzen sogar die Studienberechtigung.

nfQ bilden bzgl. der Qualifizierungsvoraussetzungen und -bedarfe eine heterogene Zielgruppe für Weiterbildung. Allen gemeinsam ist, dass sie einen schweren Stand auf einem auf Abschlüsse und Zertifikate fixierten Arbeitsmarkt haben. Die Arbeitslosenquote von Personen ohne Berufsabschluss war im Jahr 2016 in Deutschland mit 20,0 Prozent fast fünfmal so groß wie für Personen mit einer betrieblichen oder schulischen Ausbildung (4,2 %) (vgl. Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2016). Ohne weitere berufliche Qualifizierung stehen den meisten von ihnen nur einfache Tätigkeiten unter prekären Beschäftigungsbedingungen im Helferbereich offen.

Trotzdem nehmen nfQ seltener an Maßnahmen beruflicher Weiterbildung teil und brechen diese häufiger ab (vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung 2016, 299), was auch daran liegt, dass zielgruppengerechte Kursangebote auf dem Bildungsmarkt nur eingeschränkt verfügbar sind.

Zielsetzung des Forschungsprojekts

Ziel des Projekts Pro-up ist es aufzuzeigen, wie Bildungsinnovationen von der Bildungspraxis für die berufliche Weiterbildung von nfQ nutzbar gemacht werden können. Hierfür entwickelt, erprobt und evaluiert das Projekt zielgruppen- und betriebsgerechte Lernformate auf Basis eines Referenzkonzepts (vgl. Dauser/Kretschmer 2017) mit Fokus auf den folgenden 7 Innovationspunkten:

• Lernprozessbegleitung für Teilnehmende: Information, Beratung, Motivation und gemeinsame Reflexion der Lernerfahrungen

• Lernprozessbegleitung für Betriebe: Planung und Vorbereitung des betrieblichen Lernens; Information und Beratung der Betriebe während betrieblicher Phasen

• Frühzeitige und erweiterte betriebliche Praxisphasen und arbeitsplatznahes Lernen

• Reflexionsschleifen zur Nachbereitung betrieblichen Lernens und Theorievermittlung beim Bildungsdienstleister

• Multimedialer Methodenmix zur integrierten Theorievermittlung im Betrieb (z.B. Blended Learning)

• Kumulative Kompetenzfeststellung

• Lernen Schritt für Schritt auf Basis berufsanschlussfähiger Teilqualifikationen

„Berufsanschlussfähige Teilqualifikationen“ sind Weiterbildungen, die abschnittsweise absolviert und zertifiziert werden, zur Ausübung spezifischer Teilbereiche eines Berufsbildes berechtigen und in der Summe alle Bereiche eines Ausbildungsberufs abdecken. Im Idealfall wird so schrittweise ein vollwertiger, staatlich anerkannter Berufsabschluss erreicht.

Erprobung

Der „Pro-up“-Ansatz wird in 5 regional spezifischen Maßnahmensettings für verschiedene Berufsgruppen (Produktion und Dienstleistung) erprobt und evaluiert; durchgeführt werden Pilotmaßnahmen mit jeweils ca. 15 Teilnehmenden (Stand Januar 2018: 77 TN), wobei 2 von 5 Erprobungen bereits abgeschlossen sind.

Vorläufige Ergebnisse

Die Implementierung der 7 Innovationspunkte stößt in der Praxis oft auf Hindernisse, so dass diese nur teilweise oder gar nicht umgesetzt werden können; trotzdem ist das Referenzkonzept geeignet, in auf heterogene Zielgruppen zugeschnittene Verwendungskontexten Anwendung zu finden. Bei der Umsetzung von Kursangeboten ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Gewinnung von Kooperationsbetrieben aufwendig ist und die Maßnahmendurchführung hohe Anforderungen an das pädagogische Fachpersonal stellt, was dazu beiträgt, dass die Kosten gegenüber herkömmlichen Maßnahmen zum Teil deutlich erhöht sind.

Seitens der Bildungspraxis besteht eine gewisse Skepsis, derartige Bildungsinnovationen für die berufliche Weiterbildung von nfQ zu adaptieren, da es Vorbehalte gegenüber ihrer praktischen Umsetzbarkeit unter gegebenen (förderrechtlichen) Rahmenbedingungen gibt.

Aus Teilnehmendensicht liegen die Vorteile der Maßnahmen in dem gegenüber herkömmlichen Qualifizierungen in Frequenz und Umfang erhöhten Praxisanteilen im Betrieb und des damit verbundenen Kennenlernens von Betrieb und Teilnehmendem (inklusive vorhandener „Klebeeffekte“). Die Abbruchquoten liegen je nach Pilotierung zwischen 10 und 65%.

Literatur

Bundesagentur für Arbeit (2016) (Hrsg.): Initiative „Erstausbildung junger Erwachsener“. Abschlussbericht. Online: https://www3.arbeitsagentur.de/web/wcm/idc/groups/public/documents/webdatei/mdaw/mtc4/~edisp/egov-content449061.pdf (07.07.2017).

Bundesinstitut für Berufsbildung (2016): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2016. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bielefeld.

Dauser, D./Kretschmer, T. (2017): Leitfaden: Weiterbildungsangebote für nicht formal Qualifizierte lernförderlich gestalten. In: f-bb online, 01/2017. Online:

http://www.f-bb.de/fileadmin/Materialien/171109_Pro-up_Online-Leitfaden.pdf (6.11.2017)



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