Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Wer bestimmt den Wert von Qualifikationen? Die Rolle von Klassifikationsschemata bei der Bestimmung der Wertigkeit von Qualifikationen

Von:
Bohlinger, Sandra; Technische Universität Dresden, Deutschland

Session: Papersession P2/1
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 16:00 - 17:00
Ort: Fachhochschule - KeyQ
Typ: Paper
Stichworte: Klassifikationsschemata, Wertigkeit, Qualifikationen, Abschlüsse, Berufsbildung

Forschungsgegenstand des Beitrags sind Klassifikationsschemata, die dazu dienen, berufliche, allgemeine und akademische Qualifikationen und berufliche Tätigkeiten zueinander in Beziehung zu setzen und zu strukturieren, nämlich:
- die ISCED und die ISCO der Unesco,
- der EQF und die ESCO auf europäischer Ebene sowie
- nationale Qualifikationsrahmen (z.B. der NQR in Österreich und der DQR in Deutschland) und nationale Berufsklassifikationen (z.B. die KldB in Deutschland und die Ö-ISCO in Österreich).

Klassifikationsschemata prägen das Verhältnis von allgemeiner, akademischer und beruflicher Bildung entscheidend, weil sie Qualifikationen und Tätigkeiten u.a. hierarchisch ordnen und massive Auswirkungen auf v.a. Vergütungen und Zugangsberechtigungen haben können (vgl. z.B. Beblavý et al. 2016; Cussó 2006; Heyneman 1999). Daher stellt sich die Frage nach dem Vergleichsmaßstab, auf dessen Basis die Klassifizierung erfolgt, zumal die Klassifikationsschemata den Anspruch erheben, kohärent zu sein, die Struktur des jeweiligen Qualifikations- und Tätigkeitssystems bestmöglich und vollständig abzubilden und es so vergleichbar machen zu können (vgl. z.B. ILO 1958; Smyth 2008; Unesco 1958). Dabei sind die Schemata inhaltlich eng miteinander verbunden: Z.B. orientieren sich die nationalen Berufsklassifikationen im Kern an der ISCO; die Qualifikationsklassifikationen an der ISCED und auch die ISCO selbst orientiert sich in erheblichem Maße wiederum an der ISCED. Der ISCED kommt also eine entscheidende Rolle zu, die umso bedeutender wird, wenn man das ihr inhärente ‚Bildungsverständnis‘ untersucht: Dieses gibt im Kern (hoch-)schulgebundener, theoretischer Bildung Vorrang vor beruflich-betrieblicher Bildung (vgl. z.B. Unesco 2011, S. 10) und bildet damit einen zentralen Dreh- und Angelpunkt bei der Zuordnung und der ‚Wertigkeit‘ von allgemeiner, akademischer und beruflicher Bildung.

Ziel des Beitrags ist es daher, die o.g. Klassifikationsschemata auf ihre (wissenschaftliche) Basis und Genese hin zu untersuchen. Hierbei wird hinterfragt, welche Aussagen sie tatsächlich über die Wertigkeit von Qualifikationen und ihren Stellenwert in einem Bildungs- bzw. Tätigkeitssystem ermöglichen und inwiefern der ihnen zugrunde liegende Vergleichsmaßstab es überhaupt ermöglicht, Tätigkeits- und Qualifikationsstrukturen zu berücksichtigen, die nicht einer Trennung von Allgemein- versus Berufsbildung folgen.

Hierzu wird zunächst der Wertigkeitsbegriff in Relation zur Idee der Strukturierung und Klassifizierung von Qualifikationen gesetzt. Anschließend werden mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse die Schemata unter den Aspekten ‚Entstehungskontext‘, ‚Akteure‘ und ‚Vergleichsmaßstab der Klassifizierung‘ verglichen und auf die (In)Konsistenz der ihnen zugrunde liegenden Wertvorstellungen hin überprüft. Abschließend werden Ansätze zur Weiterentwicklung der Schemata vorgestellt.

Die Ergebnisse zeigen Inkonsistenzen v.a. an jenen Stellen, an denen die Wertigkeit i.S.v. ‚inhaltlicher Komplexität und Anspruch‘ den Stellenwert einer Qualifikation bzw. Tätigkeit in einem Klassifikationsschema rechtfertigt. Der Anspruch der Schemata, objektive Vergleichsmaßstäbe für die Frage nach der Wertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung zu liefern, wird dadurch fragwürdig; vielmehr bleibt die Verantwortlichkeit bei der Entscheidung über diese Frage Kern sozialer Aushandlungsprozesse, die sich zu großen Teilen einer wissenschaftlich zugänglichen Beobachtbarkeit entziehen.

Referenzen

Beblavý, M.; Akgüc, M.; Fabo, M.; Lenaerts, K. (2016): What are the new occupations and the new skills and how are they measured? HIVA working paper, Leuven.

Cussó, R. (2006): Restructuring UNESCO’s statistical services—The ‘‘sad story’’ of UNESCO’s education statistics: 4 years later. In: International Journal of Educational Development, Vol. 26, S. 532–544.

Heyneman, S.P. (1999): The sad story of UNESCO’s education statistics. In: International Journal of Educational Development, Vol. 19, S. 65–74.

International Labour Office (1958): International Standard Classification of Occupations. Geneva.

Smyth, J. A. (2008): The Origins of the International Standard Classification of Education. In: Peabody Journal of Education, Vol. 83, No. 3, S. 5–40.

UNESCO (1958): Recommendation concerning the international standardization of educational statistics adopted by the General Conference of UNESCO at its tenth session. Paris.

[Erläuterung der Abkürzungen: ISCED: International Standard Classification of Education, ISCO: International Standard Classification of Occupations, EQF: European Qualifications Framework, ESCO: European Skills, Competencies and Occupations Taxonomy, KldB: Klassifikation der Berufe, Ö-ISCO: Österreichische Berufsklassifikation]



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