Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Zukunftsträchtiges Modell oder Sackgasse? Zum Transfer des österreichischen dualen Systems der Lehrlingsausbildung in Entwicklungs- und Schwellenländer

Von:
Langthaler, Margarita; Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung, Österreich

Session: Papersession P1
Zeit: Donnerstag, 7.7.2016, 11:30 - 13:30
Ort: FH-GFM
Typ: Paper
Stichworte: Duales System, Transfer, Entwicklungsländer

Zunehmendes internationales Interesse am deutschsprachigen dualen System der Lehrlingsausbildung hat auch in Österreich einen Trend ausgelöst, dieses System in andere Länder zu übertragen. Immer mehr österreichische Unternehmen versuchen, das System an ihren Standorten im Ausland, darunter auch Entwicklungs- und Schwellenländer, zu etablieren. Viele dieser Unternehmen werden dabei von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) finanziell unterstützt, in der Annahme, dass das österreichische duale System einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Berufsbildungssysteme sowie zur Steigerung von Produktivität und Beschäftigung in Entwicklungsländern leisten kann.

Das vorliegende Paper analysiert den Transfertrend aus einer entwicklungspolitischen Perspektive. Zentrale Fragestellung ist, wie die österreichischen Transfermaßnahmen von einem entwicklungspolitischen Gesichtspunkt zu bewerten sind. Die Untersuchung stützt sich auf zwei wissenschaftliche Ansätze, die der in der internationalen entwicklungsbezogenen Berufsbildungsforschung und -Praxis dominanten Humankapitaltheorie kritisch gegenüber stehen. Das sind einerseits Zugänge aus der Political economy of skills (vgl. Brown et al 2011, Allais 2012), andererseits die Anwendung des Capabilities-Ansatzes auf Berufsbildungsforschung (vgl. Powell/McGrath 2016).

Im Gegensatz zu Deutschland (vgl. Euler 2013, Heller et al. 2015, Stockmann 2014) und der Schweiz (vgl. Maurer/Gonon 2014) ist der Trend, das duale System zu transferieren, in Österreich mit Ausnahme einer rezenten Studie (Bliem et al. 2014) weitgehend unbeforscht. Es besteht Konsens in der deutschen und schweizerischen Forschung darüber, dass bisherige Versuche, das duale System in seiner Gesamtheit zu transferieren, gescheitert sind. Als Grund dafür wird die Einbettung des deutschsprachigen dualen Systems in eine spezifische Form der Arbeitsorganisation angesehen, die ihren Ausdruck im institutionalisierten Dialog verschiedenster gesellschaftlicher Akteure findet. Dieses institutionelle Setting fehlt in den meisten Zielländern des Transfers. Es wird daher heute empfohlen, nicht das System, sondern an den jeweiligen Kontext angepasste Prinzipien zu transferieren (vgl. Maurer/Gonon 2014, Bliem et al 2014).

Die Untersuchung wurde mit qualitativen Methoden durchgeführt. Die Ergebnisse wurden aus 17 ExpertInnen-Interviews (geführt zwischen November 2014 und Mai 2015) sowie aus der Inhaltsanalyse der wenigen verfügbaren Policy-Dokumente generiert.

Das Paper untersucht zunächst den Status Quo des Transfertrends in Hinblick auf wesentliche Akteure, Ansätze, Finanzierungsmöglichkeiten, Erfahrungen sowie Herausforderungen. Im Anschluss analysiert es die Ergebnisse in einem ersten Schritt auf Grundlage der Kriterien der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. In einem zweiten Schritt werden die o.e. theoretischen Ansätze herangezogen, um die Ergebnisse auf ihre entwicklungspolitischen Implikationen hin zu bewerten. Das Paper kommt zu dem Schluss, dass zwar entwicklungspolitische Kriterien der OEZA in den Transferaktivitäten Berücksichtigung finden, wesentliche entwicklungspolitische Fragen wie Nachhaltigkeit und Systemrelevanz aber offen bleiben. Insgesamt bleibt sowohl auf konzeptioneller als auch praxisbezogener Ebene die humankapitalistische Logik dominant.

Literatur:

Allais, S. (2011): ‘Economics Imperialism’, Education Policy and Educational Theory. In: Journal of Education Policy, 27(2), 253-274.

Bliem, et al (2014): Erfolgsfaktoren der dualen Ausbildung. Transfermöglichkeiten. IBW Forschungsbericht No. 177. Wien.

Brown, P. et al (2011): The global auction: The broken promises of education, jobs and income. Oxford: Oxford University Press.

Heller, P. et al (2015): Das Konzept „Beruf“ ins Ausland transferieren? Eine kritische Perspektive auf den deutschen Berufsbildungsexport.“ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online. Issue 29. http://www.bwpat.de/ausgabe29/helleretalbwpat29.pdf

Maurer, M./P. Gonon (Hg.): The Challenges of Policy Transfer in Vocational Skills Development. National Qualifications Frameworks and the Dual Model of Vocational Education in International Cooperation, Bern.

McGrath, S./L. Powell (2016): Vocational education and training for human development. In McGrath, S. /Q. Gu (Hg.):Routledge Handbook of International Education and Development, Abingdon, 276-289.

Stockmann, R. (2014): The Transfer of Dual Vocational Training: Experiences from German Development Cooperation. In: Maurer, M./P. Gonon (Hg.): The Challenges of Policy Transfer in Vocational Skills Development. National Qualifications Frameworks and the Dual Model of Vocational Education in International Cooperation, Bern. 261-285.



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