Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Berufswahlprozesse junger Frauen. Lebenskonstruktionen weiblicher Lehrlinge im Kontext gesellschaftlicher Wandlungsprozesse

Von:
Lentner, Marlene; IBE- Institut für Berufs- und Erwachsenenbildungsforschung an der Johannes Kepler Universität Linz, Österreich

Session: Papersession P9
Zeit: Freitag, 8.7.2016, 10:30 - 12:00
Ort: MAW-MIS
Typ: Paper
Stichworte: Berufswahl, Frauen, Struktur-Handlungs-Ansatz

Ausgangspunkt dieser Dissertation ist, dass sich weibliche Lehrlinge stark auf weiblich konnotierte Lehrberufe fixieren (1). Gleichzeitig erweist sich dieses Phänomen über den zeitlichen Verlauf als äußerst stabil. Dem wurde in den letzten 10 bis 15 Jahren versucht, mit einer Vielzahl von arbeitsmarktpolitischen Programmen und Initiativen, entgegenzuwirken. „Fast gebetsmühlenartig wird betont, dass die Auflösung der Geschlechterdifferenz und Geschlechtsunterschiede auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen sei, würden Mädchen und junge Frauen nur endlich die richtigen Berufe - sprich Männerberufe - wählen oder das richtige - sprich technisch - Fach studieren.“ (Nissen et al. 2003, 45) Allerdings kann festgestellt werden, dass diese Programme bis heute nur bedingt Wirkungen erzielt haben(2).

Aktuelle soziologische Erklärungsansätze betonen im Kontext geschlechterspezifischer Berufswahlentscheidungen das komplexe Zusammenwirken gesellschaftlicher Strukturen und Zuweisungsprozesse sowie subjektiver Konstruktionen (vgl. Nissen et al. 2003; Faulstich-Wieland 2014). Dennoch können nur vier AutorInnen(-Gruppen)(3) identifiziert werden, die solche Konzepte verfolgen und auch näher ausführen. Außerdem fanden solche Erklärungsansätze kaum Berücksichtigung in der einschlägigen, vor allem pädagogischen bzw. psychologischen, aber auch arbeitsmarktpolitisch-orientierten Literatur. Überdies ist festzustellen, dass die erwähnten soziologischen Ansätze in ihren Ausführungen auf die Strukturkategorie Geschlecht fokussieren und den Aspekt der sozialen Herkunft außer Acht lassen. Junge Frauen werden insofern nicht im Kontext ihrer sozialen Lage gefasst. Gleichzeitig wird betont (vgl. Faulstich-Wieland 2014, 42; Nissen et al. 2003, 119), dass nur wenige empirische Studien vorhanden sind, die den Berufsfindungsprozess in dieser umfassenden, ganzheitlichen Weise in den Blick nehmen und die vorhandenen Studien überdies die Beharrungstendenzen nicht erklären können.

Daher näherte ich mich dem Phänomen der geschlechterstereotypen Berufswahl mittels eines praxeologischen Struktur- und Handlungsansatzes im Sinne Bourdieus (ergänzt durch Budes Konzept der Lebenskonstruktionen 1987). Aus einer solchen Perspektive hat die Soziologie sowohl die Aufgabe objektive Regelmäßigkeiten zu fassen, wie auch die Prozesse der Verinnerlichung der Objektivierung. Mit der speziellen „theoretischen Brille“ Bourdieus zu arbeiten bedeutet überdies, dass den Aspekten soziale Herkunft und symbolische Herrschaft analytisch eine besondere Bedeutung zukommt und das Modell rationalen Handelns als anthropologische Beschreibung der Praxis, kritisch zu sehen (vgl. Bourdieu 1981, 173). Im Mittelpunkt steht ein Forschungsansatz, welcher über die Identifikation von bestimmten individuellen Lebenskonstruktionen die dahinterliegenden Strukturen zu erkennen versucht. Das Forschungsinteresse fokussiert auf ein verstehendes Erklären (vgl. Kaufmann 1999) der genderstereotypen Berufswahl von weiblichen Lehrlingen aus einem (eher) ländlichen Milieu bzw. der mittleren Bildungsschicht.

Methodisch kam ein zweistufiges empirisches Forschungsdesign zum Einsatz. Die Feldanalyse, in Form einer umfangreichen Literatur- und Sekundärdatenanalyse sowie einer quantitativen standardisierten Lehrlingsbefragung(4), bietet zunächst einen fundierten Überblick über das Feld „Duale Berufsausbildung“ und das Phänomen Bildungs- und Berufswahlentscheidungen aus einer Genderperspektive. Das Herzstück der empirischen Arbeit bildet die qualitative Erhebung und Analyse, welche eine lebensweltlich-orientierte, ganzheitliche Sichtweise liefert und insofern das notwendige Tiefenwissen, um die habituellen Strukturen von jungen Frauen aus ländlicher Herkunft rekonstruieren zu können. Der Fokus auf die Lebenswelten der jungen Frauen hat auch zur Folge, dass die stark arbeitsmarkt- und bildungspolitischen Sichtweisen in den Hintergrund rücken und stattdessen die Logiken der Erzeugungsweisen eines individuellen Lebens als Erklärungsgrundlage in den Vordergrund treten. Eine abschließende Verknüpfung beider Forschungsstränge mündet schließlich in einer umfassenden Synthese, welche eine theoretische Erweiterung mit Bezug auf das Phänomen genderstereotype Berufswahl erlaubt. So münden die Ausführungen in der Skizzierung der Berufswahl von jungen Frauen als zweistufigen komplexen Prozess, welcher Rahmen der Paper Session im Detail erläutert werden soll.

(1) Insbesondere auf die Berufe: Bürokauffrau, Stylistin, Einzelhandelskauffrau und die drei „Klassiker der Gastronomie“ (Restaurant-, Gastronomiefachfrau, Köchin)

(2)vgl. Makarova/Herzog 2013, Gutknecht-Gmeiner 2011, Lassnigg/Baethge 2011, Chisholm 2010, Ihsen 2010, Nissen et al. 2003, Lemmermöhle 2001a u.a.

(3)vgl. Heinz et al. 1985, Lemmermöhle-Thüsing 1990, Kühnlein/Paul-Kohlkopf 1996, Faulstich-Wieland 2014

(4) N=821 befragte junge Frauen in den fokussierten Lehrberufen



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