Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Die soziale Konstruktion des ‘Beruflichen’ innerhalb der institutionellen Grenzen von Allgemein- und Berufsbildung

Von:
Esposito, Raffaella Simona; Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz, Schweiz

Session: Papersession P3a/1
Zeit: Freitag, 6.7.2018, 10:45 - 11:45
Ort: Fachhochschule - Seminarraum Bene im 3. Stock
Typ: Paper
Stichworte: 'Berufliches', Allgemeinbildung, Berufsbildung, Gesundheitsausbildungen, Sekundarstufe II

Die soziale Konstruktion des ‘Beruflichen’ innerhalb der institutionellen Grenzen von Allgemein- und Berufsbildung

Das Beispiel zweier Ausbildungsprogramme im Bereich Gesundheit des Schweizer Bildungssystems

Problemstellung und Forschungsziel

Die Schweiz verzeichnet einen erheblichen ungedeckten Bedarf an tertiär ausgebildeten Pflegefachkräften (Merçay & Grünig 2016). Als einschlägige Vorbildungen kennt das Schweizer Bildungssystem auf der nachobligatorischen Sekundarstufe II im Bereich Gesundheit sowohl ein allgemein- als auch ein berufsbildendes Ausbildungsprogramm.

Traditionell führte der Weg in die tertiären Gesundheitsausbildungen über die allgemeinbildende Fachmittelschule (FMS), an welcher 2004 verschiedene Berufsfelder (u.a. Gesundheit) mit entsprechenden berufsbezogenen Fächern eingeführt wurden. Zusätzlich zur Vermittlung einer vertieften Allgemeinbildung hat die FMS seither auch einen berufsfeldvorbereitenden Bildungsauftrag. Institutionell gehört die FMS nach wie vor zur Allgemeinbildung und verleiht keinen berufsqualifizierenden Abschluss.

Gleichzeitig wurde parallel zur «FMS Gesundheit» eine berufsqualifizierende, meist dual organisierte Berufsausbildung als Fachfrau/-mann Gesundheit («BGB FaGe») eingeführt. Die Institutionalisierung dieser Parallelität führte zu bildungspolitischen Disputen bezüglich dem Verständnis des ‘Beruflichen’ und dessen Legitimität in der «FMS Gesundheit» im Vergleich zum berufsbildenden Ausbildungsweg.

Der Beitrag geht davon aus, dass Allgemein- und Berufsbildung nicht zwei voneinander getrennte und feste Leitkategorien mit zugeordneten ‘Eigenschaften’ sind. Vielmehr muss das Verständnis des ‘Allgemeinen’ und des ‘Beruflichen’ in unterschiedlichen institutionellen Settings (allgemeinbildender/ berufsbildender Pfad) immer wieder situativ neu ausgehandelt werden.

Ausgehend davon beantwortet dieser Beitrag die Frage, wie das ‘Berufliche’ in den beiden institutionell unterschiedlich ausgerichteten Ausbildungsprogrammen «FMS Gesundheit» und «BGB FaGe» verstanden und konstruiert wird.

Theoretische Perspektive

Mit Bezug auf den theoretischen Rahmen der Économie des conventions (EC) (Boltanski & Thévenot 1999) sind ‘Eigenschaften’ eines Ausbildungsprogramms, diesem nicht ‘eigen’ i.S. von inhärent und vor-definiert, sondern das Ergebnis eines situativen Aushandlungs- und Koordinationsprozesses zwischen involvierten Akteuren. Um die Zuschreibung von ‘Eigenschaften’ zu begründen und zu rechtfertigen, stützen sich die Akteure auf unterschiedliche Bewertungslogiken, sogenannte Konventionen. Zentrale Prä-misse ist, dass in einer Koordinationssituation verschiedene Konventionen ko-existieren. Dies kann zu Spannungen und Konflikten führen, welche unter Umständen für die weitere Koordination einen Kompromiss erfordern (Diaz-Bone 2015).

Daten und Methodologie

Am Beispiel von «FMS Gesundheit» und «BGB FaGe» wird mittels Fallstudie (Yin 2009) aufgezeigt, wie das ‘Berufliche’ gegenwärtig sowohl in einem allgemeinbildenden als auch einem berufsbildenden Ausbildungsprogramm im Bereich Gesundheit auf der Sekundarstufe II unterschiedlich interpretiert wird.

Als Datenquellen dienen zentrale Ausbildungsdokumente (Rahmenlehr- & Stundenpläne, kantonale Informationsbroschüren, etc.), Interviews mit relevanten Akteuren (u.a. Rektoren, Ausbildungsverantwortliche, Lehrpersonen, Schüler/ Lernende) sowie Unterrichtsbesuche. Im Sinne der EC-Methodologie werden Situationen der Aushandlung und Zuschreibung von ‘Eigenschaften’ in den beiden Ausbildungsprogrammen untersucht und die von den Akteuren hierfür mobilisierten Konventionen herausgearbeitet.

Erste Ergebnisse

In der BGB FaGe wird das ‘Berufliche’ stark mit Bezug auf die handwerkliche Konvention begründet. Im Sinne von «die Pflege ist zu einem sehr grossen Teil Handarbeit» (Interview Lehrperson FaGe), steht das stark am konkreten Pflegealltag orientierte und unmittelbar einsetzbare praktische Handlungswissen im Zentrum der Wissensvermittlung. Dies schlägt sich auch im Bildungsplan sowie den Unterrichtsmaterialien und den Lehrmitteln nieder.

In der FMS Gesundheit wird das ‘Berufliche’ basierend auf einem Kompromiss aus industrieller und staatsbürgerlicher Konvention anders konstruiert. Die Absolventen/-innen sollen später nicht einfach «Hände bieten» (Interview Lehrperson FaGe), sondern werden auf Kaderpositionen im Gesundheitsbereich vorbereitet (industrielle Konvention). Daher werden auch Aspekte wie das Verstehen von grundlegenden naturwissenschaftlichen Konzepten, der Umgang mit widersprüchlichen Informationen, das wissenschaftliche Schreiben, usw. als Elemente des Beruflichen verstanden (staatsbürgerliche Konvention).

Die Ergebnisse bekräftigen die eingangs formulierte Hypothese, wonach es kein allgemeingültiges Verständnis des ‘Beruflichen’ gibt, sondern dies innerhalb der institutionellen Grenzen von Allgemein- und Berufsbildung von den Akteuren - mit Bezug auf unterschiedliche Bewertungslogiken – situativ unter-schiedlich konstruiert wird. Im Beitrag wird zudem aufgezeigt, inwiefern diese unterschiedliche Konstruktion des ‘Beruflichen’ zu Konflikten zwischen den beiden Ausbildungsprogrammen führt



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