Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Wie integriert man potentiell gefährdete Jugendliche in die Arbeitswelt, und wie evaluiert man ein entsprechendes Förderprojekt? Die Evaluation des Jugendprojektes LIFT

Von:
Balzer, Lars; Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB, Schweiz

Session: Papersession P1/4
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 11:00 - 12:30
Ort: Fachhochschule - Seminarraum Bene im 3. Stock
Typ: Paper
Stichworte: Evaluation, Transition an der ersten Schwelle, gefährdete Jugendliche, Arbeitswelt

Das duale Berufsbildungssystem geniesst einen sehr guten Ruf. Dennoch sind einige Herausforderungen zu bewältigen, wie z.B. die erfolgreiche Gestaltung der ersten Schwelle, also des Übertritts von der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II und damit auch in eine Berufslehre. So besteht in der Schweiz die politische Zielvorgabe, dass 95% aller Jugendlichen einen qualifizierenden Abschluss auf Sekundarstufe II erwerben sollen. Da rund 2/3 aller Jugendlichen eines Jahrgangs eine Berufsbildung in Angriff nehmen, aber die Zahl derjenigen, die trotz allem keine Lehrstelle finden, mit rund 6% einer Kohorte zu hoch ist, sind Anstrengungen notwendig.

Hier setzt seit über 10 Jahren das Jugendprojekt LIFT (Leistungsfähig durch individuelle Förderung und praktische Tätigkeit) an. In LIFT werden neue Ansätze zur Förderung schulisch und sozial schwacher Jugendlicher in Zusammenarbeit mit Schulen, Schulbehörden, Eltern, Berufswahlfachpersonen und der Wirtschaft konzipiert, erprobt und evaluiert. Jugendliche, die Mühe haben könnten, nach Schulende den Übergang ins Berufsleben erfolgreich zu gestalten, werden zu Beginn der Oberstufe erfasst und im Regelfall bis zum Übergang nach der 9. Klasse begleitet. Kernelement der Förderung sind wöchentliche praktische Einsätze an Wochenarbeitsplätzen (WAP): In Unternehmen der Region können Jugendliche erste Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln, sich regelmässig bewähren und ein Taschengeld verdienen. Darüber hinaus werden in Modulkursen soziale, methodische und personale Kompetenzen der jungen Leute gestärkt. Abgerundet wird das Förderprogramm durch professionelle Vorbereitung und Begleitung: In enger Kooperation mit Schule und Betrieben werden im Gruppen- und Einzelcoaching laufend anstehende Herausforderungen angegangen.

Ein mehrjährig durchgeführtes und durch öffentliche Gelder unterstütztes Projekt, welches mehrere Tausend Jugendliche an über 200 Standorten in der gesamten Schweiz betreut hat, muss sich selbstverständlich der Frage nach seiner Wirksamkeit stellen. Eine zu diesem Zweck durchgeführte Evaluation wiederum muss in der Lage sein, wissenschaftlich begründete Wirkungsaussagen im realen Feldsetting zu generieren.

Auf der Basis von Überlegungen, was Wirkung in der Evaluation eigentlich ist und wie man sie messen und gegebenenfalls nachweisen kann (vgl. Balzer, 2012), werden im geplanten Beitrag verschiedene Evaluationsbereiche mit Wirkungsaussagen unterschiedlicher Reichweite und wissenschaftlicher Strenge diskutiert:
- Befragung von Teilnehmenden und Stakeholdern zur ihrer Zufriedenheit, zu Verbesserungsvorschlägen und zur Wahrnehmung von Projektwirkungen, mittels halbstrukturierten Interviews sowie diversen Fragebogen im Verlauf einer dreijährigen Projektdauer pro Kohorte
- Definition und Bewertung von zentralen Projekterfolgsfaktoren durch verantwortliche LIFT-Organisatoren
- Überprüfung und Bewertung der Anschlusslösungen, die LIFT-Jugendliche nach Abschluss des Projektes in der Arbeitswelt gefunden haben
- Vergleich der Anschlusslösungen mit vor Projektbeginn definierten Projektzielen
- Überprüfung der Nachhaltigkeit der Anschlusslösungen durch telefonische Follow up-Interviews wenige Monate und 3,5 Jahre nach Projektabschluss
- Vergleich der mit LIFT erzielten Anschlusslösungen mit offiziellen kantonalen Statistiken zu Anschlusslösungen gesamter Schülerkohorten
- Quasiexperimentelles Längsschnitt-Vergleichsgruppendesign zum Vergleich von LIFT-Jugendlichen mit Jugendlichen ausserhalb von LIFT bezüglich Soziodemographie, persönlicher Situation, Schulleistung, Sprachfähigkeiten, überfachlichen Kompetenzen, Motivation, etc.

Zusammengefasst zeigen die Daten, dass LIFT insgesamt betrachtet ein erfolgreiches Projekt ist:
- Projektteilnehmende, Verantwortliche und Vertreter der Arbeitswelt stellen dem Projekt ein sehr gutes Zeugnis aus und sind mit Projektverlauf und –ergebnissen zufrieden.
- Zentrale Erfolgskriterien von LIFT (z.B. gute Betreuung der LIFT-Jugendlichen, Steigerung des Selbstbewusstseins der Jugendlichen) werden positiv beurteilt.
- LIFT-Jugendliche zeigen eine positivere Entwicklung einzelner Dimensionen überfachlicher Kompetenzen als Jugendliche ausserhalb von LIFT
- Die vordefinierten Erfolgskriterien von erreichten Anschlusslösungen werden durch LIFT erreicht
- Anschlusslösungen von LIFT-Jugendlichen sind nie schlechter, aber für viele Standorte besser als diejenigen von Jugendlichen ausserhalb von LIFT. Diese Anschlusslösungen sind über die Zeit recht stabil.

Literatur:

Balzer, L. (2012). Der Wirkungsbegriff in der Evaluation - eine besondere Herausforderung. In G. Niedermair (Hg.), Evaluation als Herausforderung der Berufsbildung und Personalentwicklung (Schriftenreihe für Berufs- und Betriebspädagogik, Band 7) (S. 125-141). Linz: Trauner.



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