BBFK 2022

Krise und
Nachhaltigkeit

Herausforderungen für
berufliche Bildung

8. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 6.-8.7.2022, Klagenfurt

Paper

Sozialer Fortschritt durch und in Abhängigkeit von (Berufs-)Bildung?

Von:
Steiner, Mario; IHS - Institut für höhere Studien, Österreich

Session: Papersession P3a/4
Zeit: Freitag, 6.7.2018, 10:45 - 11:45
Ort: Fachhochschule - Seminarraum LeitnerLeitner + Seminarraum OÖNachrichten im 3. Stock
Typ: Paper
Stichworte: Sozialer Fortschritt, Chancengleichheit, Bildungsexpansion, Ausgrenzung, Ländervergleich

Die Bildung im Allgemeinen und die Berufsbildung im Besonderen stehen im Kontext widersprüchlicher Entwicklungen. Auf der einen Seite kann seit Jahrzehnten nicht zuletzt auch durch den Ausbau der (höheren) Berufsbildung eine enorme Bildungsexpansion beobachtet werden, während auf der anderen Seite das Phänomen der Bildungsarmut und die zunehmende soziale und auf den Arbeitsmarkt bezogene Ausgrenzung der davon betroffenen Personen an Bedeutung gewinnt. In diesem widersprüchlichen Kontext steht die Forschungsfrage, ob insgesamt und aus einer holistischen Perspektive betrachtet im Zusammenhang mit (Berufs-)Bildung und ihrer Entwicklung über die Zeit von einem sozialen Fortschritt gesprochen werden kann oder nicht.

Vor diesem Hintergrund steht zunächst die Entwicklung eines theoretischen Konzepts des sozialen Fortschritts im Zusammenhang mit Bildung im Zentrum dieses Beitrags. Aufbauend auf Gerechtigkeitstheorien (Rawls 1975, Mill 1976, Sen 2010, Nussbaum 1997, Honneth 1992, Fraser 1995), Chancengleichheitsansätzen (Coleman 1967, Roemer 1998) und Konzeptionen von sozialem Fortschritt (Stiglitz et al. 2009, Porter et al. 2015, Richardson et al. 2016) werden acht bildungsbezogene Fortschrittsdimensionen herausgearbeitet, die sich von Bildungsarmut und –ungleichheit über die gesellschaftliche Anerkennung von Abschlüssen bis hin zu gesellschaftlicher Teilhabe und Gesundheit in Abhängigkeit von Bildung spannen. In einem zweiten Schritt geht es darum, dieses konzeptionell-theoretische Konstrukt auch empirisch zu analysieren und damit die formulierte Forschungsfrage zu beantworten. Um die herausgearbeiteten Dimensionen zu operationalisieren, werden daher 26 Indikatoren definiert und anschließend empirisch soweit möglich im internationalen Vergleich analysiert. Das Set an Indikatoren umfasst beispielsweise Einkommen, Armut und Arbeitslosigkeit in Abhängigkeit vom (Berufs-) Bildungsniveau oder das Ausmaß an intergenerationaler Bildungsmobilität in Abhängigkeit vom (Berufs-)Bildungsniveau, um nur einige zu nennen. Bei der Analyse der Indikatoren gilt es, sowohl die zeitliche Entwicklung als auch den Status Quo hinsichtlich des sozialen Fortschritts zu untersuchen. Zusätzlich werden die Berechnungen für sozial benachteiligte Gruppen (Personen mit Migrationshintergrund und/oder aus bescheidenen sozioökonomischen Verhältnissen) sowie differenziert nach Geschlecht vorgenommen, weil das Konzept u.a. auf der Hypothese aufbaut, dass sozialer Fortschritt mit einem Abbau von sozialen Ungleichheiten einhergeht. Die Analysen werden schließlich unter Anwendung des Methodenkonzepts der „Composit Indicators“ (OECD 2008) zu einer Maßzahl komprimiert, die den sozialen Fortschritt in, durch sowie in Abhängigkeit von Bildung zum Ausdruck bringt.

Die Analysen offenbaren nach Jahrzehnten der Bildungsexpansion keine reine bildungspolitische Erfolgsgeschichte. Nur einige Indikatoren lassen auf sozialen Fortschritt schließen, andere legen sozialen Rückschritt als Schluss nahe. Beispielsweise ist die Wahrscheinlichkeit für SchülerInnen aus bescheidenen sozioökonomischen Verhältnissen, ein Level basaler Kompetenzen nicht zu überschreiten, fünffach erhöht und steigt sogar noch weiter. Auch Indikatoren, die in ihrer zeitlichen Entwicklung einen sozialen Fortschritt erkennen lassen, offenbaren in ihrem IST-Stand oft dennoch eine enorme soziale Ungleichverteilung, was einem noch langen Weg gleichkommt, bis eine Gesellschaft als sozial fortschrittlich gelten kann. Insgesamt deuten die direkt auf (Berufs-)Bildung gerich¬teten Dimensionen noch am ehesten auf sozialen Fortschritt hin, während Dimensionen, die auf den gesellschaftlichen Bezug von Bildung fokussieren, eher das Gegenteil nahelegen.

Im internationalen Vergleich können vier Staatengruppen unterschieden werden: Die Länder mit sozial fortschrittlicher Entwicklung von einem bescheidenen Ausgangsniveau weg, die Staaten mit noch weiterem Fortschritt auf bereits hohem Ausgangsniveau, Länder deren hohes Niveau durch rückläufige Entwicklungen gefährdet ist und schließlich eine Staatengruppe, die sich trotz schlechter Ausgangswerte noch weiter zurückentwickelt.

Das finale Urteil ist ein zwiespältiges, da Fortschritt und Rückschritt einander oft ausglei-chen. Darüber hinaus zeigen viele der untersuchten Indikatoren keine Abnahme oder zumindest stabile Differenz, sondern noch weiter anwachsende soziale und bildungsbezogene Unterschiede. Doch die steigende Diskriminierung von bildungsarmen Personen und Menschen mit Migrationshintergrund erfordert Maßnahmen, die auch Benachteiligte am „Fahrstuhleffekt“ (Beck 1986) partizipieren lässt. Nur so wird sich der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft nachhaltig sicherstellen lassen.



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