Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Thematisches Forum

Kooperation der Akteure in der Berufsbildung am Beispiel der Entwicklung von Ausbildungsordnungen

Von:
Geiben, Marthe; Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Deutschland
Ulmer, Philipp; Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Deutschland
Milolaza, Anita; Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Deutschland
Notter, Particia; Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), Schweiz
Felser, Rolf; Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), Schweiz
Stöhr, Petra; ibw - Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft, Österreich
Wallner, Josef; ibw - Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft, Österreich
Lamscheck-Nielsen, Regina; Moeve aps, Dänemark

Session: Thematisches Forum F5
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 14:00 - 15:30
Ort: Fachhochschule - Seminarraum LeitnerLeitner + Seminarraum OÖNachrichten im 4.Stock
Typ: Thematisches Forum
Stichworte: Kooperation, Sozialpartner, Ausbildungsordnungen

Bis vor wenigen Jahren wurde Deutschland regelmäßig dafür kritisiert, dass es vergleichsweise eine zu geringe Akademikerquote aufweise. In diesem Zusammenhang wurde auch das duale Ausbildungsmodell kritisch bewertet. Dies hat sich inzwischen geändert, vor allem wegen der stark angestiegenen Jugendarbeitslosigkeit nach der Finanzkrise in vielen Ländern mit einem schulischen Ausbildungssystem. Mehrere Länder haben inzwischen Reformen eingeleitet und sich dabei an Staaten mit einem dualen Berufsbildungssystem orientiert. Ein wesentliches Ziel dieser Reformen ist ein besseres Zusammenspiel zwischen Berufsbildungs- und Beschäftigungssystem, um den Jugendlichen eine bessere berufliche Perspektive bieten zu können.

Es herrscht Konsens darüber, dass in Ländern mit einem dualen Ausbildungsmodell die die geteilte Verantwortung zwischen privaten und staatlichen Akteuren und deren Zusammenwirken konstitutiv für das Funktionieren dieses Systems sind (vgl. z.B. Bliem u.a. 2014, Deutscher Bundestag 2013, Euler 2013, Steedman 2012). Dies wird auch in verschiedenen Typologien deutlich, in denen die Länder mit einem dualen Ausbildungssystem meist in eine Kategorie eingeordnet werden (vgl. z.B. Greinert 2004, Pilz 2016, Rauner 2009). Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch die Frage, ob eine derartige Kategorisierung nicht auch grundlegende Unterschiede dieser Systeme überdeckt.

Dies war ein Ausgangspunkt des Forschungsprojektes „Entwicklung nationaler Ausbildungsstandards – Akteure, Verfahren und Gestaltung im europäischen Vergleich“. Am Beispiel der Entwicklung von Ausbildungsordnungen wurde das Zusammenwirken der verschiedenen Akteursgruppen untersucht. Zu diesem Zweck wurden Länderanalysen von vier dualen Ländern (Deutschland, Österreich, Schweiz und Dänemark) erstellt, denen u.a. Experteninterviews zugrunde lagen.

Die bisherigen Erkenntnisse haben bereits deutlich gemacht, dass in den dualen Ländern die Kooperation der beteiligten Gruppen nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch bedeutende Unterschiede aufweisen. Dies könnte für die Reformländer von erheblichem Interesse sein, da sie auf diese Weise verschiedene Ausgestaltungsformen der Kooperation in den Blick nehmen können.

Im Forum sollen zunächst die Verfahren für die Erarbeitung von nationalen Ausbildungsstandards in den vier dualen Ländern präsentiert werden. Im zweiten Teil sollen dann die Rahmenbedingungen und die Kooperationsformen diskutiert werden. Neben den Unterschieden sollen vor allem die relevanten Faktoren des Zusammenwirkens der verschiedenen Gruppen herausgearbeitet werden, die den Erfolg in diesem Kernbereich der beruflichen Bildung ausmachen.

Struktur des Forums

Geiben / Milolaza: Entwicklung von Ausbildungsordnungen in Deutschland – paritätisches Zusammenwirken unter der Koordination des BIBB

In Deutschland haben die Sozialpartner bereits vor Beginn des Antragsgesprächs beim zuständigen Bundesministerium grundlegende Fragen der neuen bzw. reformierten Ausbildungsordnung mit einem Vorschlag für sog. „Eckwerte“ geklärt. Der Entwicklungsprozess selbst erfolgt dann unter der Moderation des BIBB in paritätischer Zusammensetzung mit Sachverständigen der Sozialpartner und der Beteiligung des Staates

Dr. Marthe Geiben ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich 1.1 „Grundsatzfragen der Internationalisierung / Monitoring von Berufsbildungssystemen“ des BIBB.

Anita Milolaza ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich 4.2 „Kaufmännische Berufe, Berufe der Medienwirtschaft und Logistik“ des BIBB.

Notter / Felser: Entwicklung von Bildungsverordnungen in der Schweiz – Verbundpartnerschaftliche Zusammenarbeit

Die Berufsbildung in der Schweiz ist eine Verbundaufgabe von drei Akteuren: Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt (Berufsverbände u.a.).

Der Anstoß zur Berufsentwicklung (Revision eines bestehenden Berufs, Entstehung eines neuen Berufs) kommt in der Regel von Seiten der Berufsverbände bzw. der Wirtschaft. Beim Prozess der Berufsentwicklung liegen die operative Leitung und die Definition der Bildungsinhalte in der Verantwortung der Berufsverbände. Der Bund, vertreten durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, stellt sicher, dass die gesetzlichen Vorgaben in allen Phasen des Berufsentwicklungsprozesses eingehalten werden.

Patricia Notter ist Projektverantwortliche im Zentrum für Berufsentwicklung des eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung

Rolf Felser ist Bereichsleiter am Zentrum für Berufsentwicklung des eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung

Tritscher-Archan / Wallner: Entwicklung von Ausbildungsordnungen in Österreich – sozialpartnerschaftliche Kooperation

In Österreich spielen die Sozialpartner bei der Erstellung von Ausbildungsordnungen eine maßgebliche Rolle. Im Bundesberufsausbildungsbeirat, in dem Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter/innen gleichermaßen vertreten sind, werden zentrale Fragen (z.B. hinsichtlich Struktur, Inhalt) zur Neueinführung bzw. Modernisierung von Lehrberufen erörtert. Die Ergebnisse dieser Diskussion werden dem Wirtschaftsministerium als Stellungnahme übermittelt. Unterstützt werden die Sozialpartner in ihrer Arbeit von Bildungsforschungsinstituten, die ihrerseits wieder mit Fachexpert/innen kooperieren.

Mag. Josef Wallner ist Leiter des Entwicklungsbereiches am ibw – Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft.

Mag. Sabine Tritscher-Archan ist Projektleiterin am ibw – Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft.

Lamschek-Nielsen / N.N: Entwicklung von Ausbildungsordnungen in Dänemark – Paritätische Kooperation mit einem nationalen Rahmen und eigenständiger, dezentraler Ausgestaltung

In Dänemark wird der Entwicklungsprozess in den meisten Fällen dezentral von der Praxis in den einzelnen Branchen initiiert, und zwar konsequent im Konsens der sozialen Partner. Letzteres gilt auch bei Grundsatzänderungen, die auf nationaler Ebene veranlasst werden, so z.B. bei Berufsbildungsreformen.

Die starke Praxisverankerung ist die Grundlage für eine hohe Agilität, wodurch den Anforderungen des Arbeitsmarktes, der Jugendentwicklung und den gesellschaftlichen Bedürfnissen relativ schnell nachgekommen werden kann. Gleichzeitig ist die dezentrale und eigenständige Ausgestaltung jedoch auch der Anlass einer großen Vielfalt in der dänischen Berufsbildungslandschaft.

Dir. Regina Lamscheck-Nielsen, Moeve aps, ist im dänischen Inland und im europäischen Ausland als Beraterin für Ministerien, Institute und Praxisorganisationen im Jugendausbildungsbereich tätig.

N.N: Wir sind aktuell dabei, einen Person zu finden, die in Dänemark in den Prozess der Entwicklung von Ausbildungsordnungen involviert ist.

Ulmer: Moderierte Diskussion zum Thema

„Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Zusammenwirkens in den dargestellten Verfahren und Rückschlüsse für Reformen in Ländern mit einer weniger stark ausgebildeten Kooperation“

Philipp Ulmer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich 1.1 „Grundsatzfragen der Internationalisierung / Monitoring von Berufsbildungssystemen“ des BIBB. Er leitet das Projekt „Entwicklung nationaler Ausbildungsstandards – Akteure, Verfahren und Gestaltung im europäischen Vergleich“

Literatur:

BLIEM, WOLFGANG; SCHMID, KURT; PETANOVITSCH, ALEXANDER: Erfolgsfaktoren der dualen Ausbildung. Transfermöglichkeiten. Wien 2014.

DEUTSCHER BUNDESTAG: Strategiepapier der Bundesregierung zur internationalen Berufsbildungszusammenarbeit aus einer Hand. Berlin 2013. - URL: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/143/1714352.pdf

EULER, DIETER: Das duale System in Deutschland - Vorbild für einen Transfer ins Ausland? Gütersloh 2013. - URL: http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_37640_37641_2.pdf

GREINERT, WOLF-DIETRICH: Die europäischen Berufsbildungs"systeme" - Überlegungen zum theoretischen Rahmen der Darstellung ihrer historischen Entwicklung. In: Europäische Zeitschrift für Berufsbildungsfoschung (2004) 32, S. 18-26

PILZ, MATHHIAS: Typologies in Comparative Vocational Education: Existing Models and a New Approach. In: Vocations and Learning, 9 (2016), S. 295-314

RAUNER, FELIX: Steuerung der beruflichen Bildung im internationalen Vergleich. Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2009

STEEDMAN, HILARY: Overview of apprenticeship systems and issues – ILO contribution to the G20 Task Force on Employment. Geneva 2012



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