Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Thematisches Forum

Ungleiche Geschwister? Zur Entwicklung und Zukunft der Berufsbildung in Österreich, Deutschland und der Schweiz

Von:
Markowitsch, Jörg; 3s Unternehmensberatung GmbH, Österreich
Lassnigg, Lorenz; IHS - Instititut für Höhere Studien, Österreich
Le Mouillour, Isabelle; BIBB - Bundesinstitut für Berufsbildung, Deutschland
Grollmann, Philipp; BIBB - Bundesinstitut für Berufsbildung, Deutschland
Gonon, Philipp; Universität Zürich, Schweiz

Session: Thematisches Forum F6
Zeit: Donnerstag, 5.7.2018, 14:00 - 15:30
Ort: Museum Arbeitswelt - Großer Saal
Typ: Thematisches Forum
Stichworte: Berufsbildungsysteme, Österreich, Deutschland, Schweiz, Veränderung

Was sind die großen Veränderungen die Berufsbildung in Europa betreffend? Welche Konvergenzen und Divergenzen sind zu beobachten? Wie stellen sich diese Entwicklungen speziell für die deutschsprachigen Länder dar? Deutschland und Österreich haben praktisch zeitgleich Ende der 1960er Jahre Gesetze zur (dualen) Berufsbildung erlassen und werden gemeinsam mit der Schweiz in internationalen Vergleichen stets in den selben Topf geworfen. In der Tat waren die Gemeinsamkeiten in den 1980er Jahren im Vergleich zu anderen Ländern auffällig. Trotz ähnlicher Herausforderungen (z.B. Globalisierung, Akademisierung) hat sich die Berufsbildung der drei Länder in den letzten drei Dekaden jedoch recht unterschiedlich entwickelt. Inwiefern kann man noch von einem vergleichbaren Typ der Berufsbildung sprechen? Inwiefern war dies je gerechtfertigt? Wo haben sich die Herausforderungen unterschieden, wo die Antworten auf die Herausforderungen?

Ziel des Forums ist die großen Entwicklungen in der Berufsbildung in Europa mit Schwerpunkt auf Österreich, Deutschland und Schweiz der letzten dreißig Jahre zu reflektieren und auch einen Blick in die Zukunft zu erheischen. Hierzu werden in je einem Beitrag pro Land ähnliche Leitfragen aus u.a. politikwissenschaftlicher, soziologischer und berufspädagogischer Sicht vertieft und abschließend gemeinsam diskutiert: Wie hat sich die Berufsbildung (quantitativ und ihrer Form nach) in den letzten Dekaden im Verhältnis zur Allgemeinbildung und Hochschulbildung entwickelt und positioniert? Welche Gründe waren ausschlaggebend für diese Entwicklung? Welche wesentlichen Reformmaßnahmen und Systemänderungen haben stattgefunden? Welche Entwicklungen sind in den nächsten 10 bis 15 Jahren zu erwarten?

Einführung:

Zur Veränderung der Berufsbildung in Europa

Jörg Markowitsch, 3s

Der Beitrag ist als kurze Einführung in das Forum angelegt und präsentiert wesentliche Trends in der Berufsbildung in Europa wie etwa Akademisierung, Formalisierung, Flexibilisierung, Dezentralisierung und Verberuflichung. Weiters zeigt er die Unterschiede zwischen den Ländern im Verständnis und der Positionierung von Berufsbildung auf und führt in die Leitfragen des Forums ein.



‚Austrian Exceptionalism‘: Neoliberaler Nationalismus in Globalisierung und Digitalisierung?

Lorenz Lassnigg, IHS

Laut neuem Regierungsprogramm soll im Schulwesen kein Stein auf dem anderen bleiben, alle Gesetze inklusive der kürzlichen Reformen sollen neu geschrieben werden. Auch für die Berufsbildung werden Punkte formuliert, die jedoch weniger auf eine Neuorientierung hinweisen. Die Lehre und die Facharbeiterausbildung sollen, v.a. im betrieblichen Bereich, gestärkt werden.

Der Beitrag untersucht Zukunftsaussichten für die Berufsbildung in Österreich im Zusammenspiel zwischen der Gesamtpolitik und der bisherigen Dynamik der Berufsbildung, die im Wesentlichen inkrementell verlaufen ist. Das österreichische Bildungswesen ist im internationalen Vergleich exzeptionell, indem es einerseits strukturell veränderungsresistent andererseits aber funktionell sehr anpassungsfähig ist. Ausgangspunkt des Beitrags ist ein Forum zu Zukunftsfragen der Berufsbildung im Rahmen der BBFK 2010, bei dem Kernthemen, wie z.B. Innovation, Migration, Chancengleichheit, Geschlechtersegregation, identifiziert wurden. Diese Themen wurden in weiteren Arbeiten (Lassnigg et al., 2012; Lassnigg 2012) vertieft, anhand der drei Dimensionen, Wettbewerbsfähigkeit, soziale Ansprüche und Lifelong Learning strukturiert, und schließlich in drei prioritäre Vorschläge für Politik und Forschung gemünzt: (1) Positive Nutzung der Potenziale der ZuwanderInnen und Aufmerksamkeit auf balancierte Kompetenzen; (2) fördernde pädagogische Praxis und Professionalisierung der Lehrpersonen und betrieblichen AusbildnerInnen; (3) Aufmerksamkeit auf betriebliche Nutzung der Kompetenzen junger Menschen in lernförderlicher Arbeitsorganisation und innovativen Unternehmen.

Das Regierungsprogram geht durch die Betonung von Prüfungsdruck und administrativer Kontrolle, Ausgrenzung von ZuwanderInnen, sowie die Rhetorik von Bildungspflicht, Arbeitspflicht und Beteiligungspflicht in diametral andere Richtung. Eine Verbesserung der Wirkungen der Berufsbildung kann daher nicht erwartet werden, und eine Rolle des ‚Österreichischen Exceptionalism‘ als internationales Vorbild erscheint unwahrscheinlich.



Segmentalisierung und Akademisierung. Zur Zukunft des dualen Berufsbildungssystems in Deutschland

Isabelle Le Mouillour, Philipp Grollmann (BIBB)

Der Beitrag diskutiert die Veränderungen zwischen Berufsbildung und Hochschulbildung in Deutschland. Dabei werden entlang zwei Trends ‚Segmentalisierung‘ und ‚Akademisierung‘ die Entwicklung und mögliche Positionierung des dualen Berufsbildungssystems im gesamten Bildungssystem vorgestellt.

In den letzten Jahren kennzeichnen Wettbewerb und Verdrängung mit zunehmendem Nachdruck das Berufsbildungssystem und das Bildungssystem insgesamt in Deutschland (Dunkel et al., 2009). Das deutsche Berufsbildungssystem sei im Umbruch, so die Autorengruppe Berufsbildungserstattung (2016). Derweil wird mit Konzepten wie Durchlässigkeit (Frank et al. 2015) oder Gleichwertigkeit von beruflichen und allgemeiner Bildung (Hauptausschuss des BIBB 1984) gehandelt. Die lang existierende ‚Versäulung‘ des Bildungssystems schwindet, ohne dass sich eindeutige Tendenzen abzeichnen. Eine klare –von manchen Akteuren gewünschten – Dichotomie eines ‚beruflichen‘ vs. eines ‚akademischen‘ Qualifizierungsangebotes wird sowohl durch die Entstehung von neuen Bildungsgängen und neuen Bildungseinrichtungen in beiden Bildungsbereichen und an deren Schnittstellen als auch durch die neue Ausrichtung der Berufsbildung bzw. ihre Adaption zu allgemeinen Veränderungen (z.B. Digitalisierung, Migration, Demographie) in Frage gestellt.

Institutionell und bildungspolitisch scheint die ‚Dualität‘ der Lernorte auf unterschiedliche Qualifikationsniveaus Kern des Dilemmas zu sein. Es handelt sich allerdings auch um Fragen der Identität und Qualität von Berufsbildung und Hochschulbildung.

Professionalisierung und Expansion der Berufsbildung in der Schweiz

Philipp Gonon, Universität Zürich

Die Schweiz hatte bereits 1930 ein Gesetz zur beruflichen Bildung geschaffen, das wesentlich dazu beitrug, dass in der Folge, vor allem seit dem 2. Weltkrieg und in der Phase des Wiederaufschwungs bis in die Mitte der 1980er Jahre, die Berufsbildung stetig expandierte. Bis zu Beginn der 1960er Jahre war die berufliche Bildung ein spezifischer Bereich, welcher dem Wirtschaftssystem zuzuordnen war. Kritische Weichenstellungen („Critical Junctures“) sind in den 1970er, 1990er Jahren und seit der Jahrtausendwende festzuhalten.

Rund um die Reform des Berufsbildungsgesetzes wurde das duale System von Seiten der politischen Linken und Gewerkschaften in Frage gestellt. Die damaligen Debatten haben wesentlich zur Reform der beruflichen Bildung beigetragen: sie wurde „pädagogisiert“ und differenziert. In den 1990er Jahren wurde die Berufsmaturität und die Fachhochschulen neu geschaffen – dadurch wurde der Trend höhere Abschlussquoten im Tertiärbereich zu forcieren, durch die Berufsbildung kanalisiert. 2004 wurde das Berufsbildungsgesetz abermals erneuert: alle (nicht-akademischen) Berufe wurden integriert und gleichzeitig zu einem Gebot der permanenten Reform ihrer Berufsbilder verpflichtet. Daneben wurde ein Bereich „höhere Berufsbildung“ geschaffen, welcher basierend auf praktischer Betriebserfahrung den Zugang zur Tertiärstufe gewährt.

Die Berufsbildung heute ist Teil des Bildungssystems und hat sich vorwiegend durch pfadabhängige Vorgaben und Prozesse der Selbstadaption zu einem gewichtigen Bereich entwickelt. Sie beruht auf einem partei-und sozialpartnerschaftlich übergreifendem Konsens und ist weiterhin offen für Weiterentwicklungen. Die Stärke der Berufsbildung hat auch ihren Preis: der Einfluss der öffentlichen Akteure ist gewachsen, der Akademisierungsdruck besteht weiterhin und es besteht ein (branchenspezifischer) Mangel an Fachkräften.



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