Bildung = Berufsbildung?!

 

6. Österr. Berufsbildungsforschung Konferenz, 5.-6.7.2018, Steyr/OÖ

Paper

Finanz- und Wirtschaftswissen der Kärntner Erwerbsbevölkerung: Eine empirische Analyse

Von:
Klinglmair, Robert; Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich
Kandutsch, Florian; Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich
Brauneis, Alexander; Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich

Session: Papersession P3b/6
Zeit: Freitag, 6.7.2018, 12:00 - 13:00
Ort: Museum Arbeitswelt - Großer Saal
Typ: Paper
Stichworte: Finanzwissen, Wirtschaftswissen, Financial Literacy, Economic Literacy, Debt Literacy

Das Finanzwissen („Financial Literacy“) ist ein Teilbereich der ökonomischen Bildung, der nicht erst seit der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gerückt ist. Angesichts komplexer werdender Wirtschaftszusammenhänge und Finanzprodukte wird ein hohes Finanzwissen für die Bevölkerung immer wichtiger und stellt einen sogenannten „Life Skill“ dar, da eine informiertere Bevölkerung (i) geldpolitische Strategien/Entscheidungen der Wirtschaftspolitik besser verstehen und (ii) nachhaltigere persönliche Investitions- und Finanzentscheidungen treffen kann, die – etwa bei Jugendkonten u.ä. – bereits im Schulalter getätigt werden müssen. Fehlendes Finanzwissen wird in der Literatur als Hemmnis für „richtige“ Veranlagungs- oder Vorsorgeentscheidungen identifiziert und stellt in Österreich einen zentralen Faktor dar, unternehmerisches Versagen oder Schwierigkeiten bei der Gründung von Start-ups zu erklären (vgl. Aubram et al., 2016). Demnach kann Finanzbildung als komplementäres Element zu regulatorischen Maßnahmen verstanden werden; es sind entsprechende Policy-Maßnahmen zum Ausbau der Financial Literacy festzulegen, da gerade das Finanzwissen sowie Finanzbildungsaktivitäten als adäquate Vermeidungsstrategie von Krisen und als Möglichkeit für mehr Finanzmarktstabilität hervorgehoben werden (vgl. etwa Gnan et al., 2007, S. 34ff.; Silgoner/Weber, 2015, S. 40). Ein umfassender Literaturüberblick weist damit unzweideutig auf das Erfordernis einer breiten Basis an ökonomischem (im Allgemeinen) und finanziellem (im Speziellen) Wissen in allen Teilen der Bevölkerung hin.

Insgesamt belegen jedoch fast ausnahmslos alle internationalen Untersuchungen, dass große Wissenslücken beginnend bei einfachsten (ökonomischen) Berechnungen (wie elementare Zinsrechnungen) bestehen (vgl. hierzu u.a. Calcagno/Monticone, 2015; Lusardi/Mitchell, 2011; Atkinson/Messey, 2012); auch werden finanzwirtschaftliche (Basis-)Konzepte wie etwa der Zinseszinseffekt, Inflation sowie die Grundprinzipien der Risikodiversifikation nicht verstanden. Zwar zeigt ein Blick auf Österreich, dass in einer von der OECD/INFE (2016) durchgeführten Erhebung Platz neun von 35 Mitgliedsstaaten erreicht werden konnte. Dieses „gute“ Ranking darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch hierzulande die Notwendigkeit weitreichender Aktivitäten im Finanzbildungsbereich besteht (vgl. etwa Silgoner/Weber, 2015, S. 40f.; Greimel-Fuhrmann et al., 2016). Ein – finanzielle Aspekte betreffender – Analphabetismus ist demnach auch in Österreich gesellschaftlich weit verbreitet und deutet einerseits auf bildungspolitischen Handlungsbedarf für entsprechende Maßnahmen in Hinblick auf den Ausbau von Finanzwissen hin. Andererseits besteht – im Sinne einer Forschungslücke – die Notwendigkeit möglichst differenzierter, weiterführender empirischer Analysen, um (i) die Datenbasis zu vergrößern und (ii) jene Personengruppen eindeutig identifizieren zu können, bei denen die größten Wissensdefizite bestehen (Forschungsfrage).

Zu diesem Zweck wurde ein modular aufgebauter Fragebogen (59 Fragen) entworfen, der neben sozio-demographischen, berufs- und bildungsbezogenen Merkmalen (i) Begriffe zur „Economic Literacy“ enthält und (ii) das Finanzwissen anhand der gängigen OECD-11-Standardfragen erhebt. Zusätzlich wurden drei Fragen zur „Debt Literacy“ eingebunden, die neue Erkenntnisse zu den Kompetenzen in der Beurteilung von Fremdkapitalprodukten liefert. Die Zielgruppe umfaste Kärntner/innen im Erwerbsalter (15-64 Jahre). Über das ZMR wurde eine uneingeschränkte Zufallsstichprobe von 2,0% (N=7.360) gezogen und ein repräsentativer Rücklauf von n=1.008 Fragebögen verzeichnet (Rücklaufquote: 13,7%), der für die weiteren statistischen/ökonometrischen Auswertungen zur Verfügung stand. Die Financial Literacy in Kärnten ist mit einem Mittelwert von 8,2 korrekten Antworten mit jener anderer österreichischer Studien vergleichbar und der Anteil richtiger Nennungen bei einfachen Fragen (zB Verständnis von Zinsen oder Inflation) relativ hoch, bei vergleichsweise schwierigeren Fragen (zB Zinseszinseffekt oder Zusammenhang zwischen Zinsen und dem Preis von Anleihen) sinkt der Anteil richtiger Antworten jedoch merklich. Auch zeigen sich – differenziert nach sozio-ökonomischen Merkmalen – vor allem bei Frauen, Jüngeren, Personen mit Migrationshintergrund sowie Befragten mit niedrigem formalem Bildungsniveau und von Arbeitslosigkeit betroffenen Personen erhebliche Defizite. Gerade bei diesen Gruppen sind gezielte Maßnahmen der Bildungspolitik (zB Finanzbildungsaktivitäten wie fachdidaktische Projekte im Pflichtschulbereich; Stichwort: „Legal & Financial Literacy Project“ oder Kursmodule im Bereich der Erwachsenenbildung) induziert, um die identifizierten Wissenslücken im gesellschaftlichen Interesse nachhaltig schließen zu können.



Weitere Abstracts

Aktuell

  • Dokumentation mit Fotos, Videos und Präsentationen ist online

    21.07.2018

    Seit gestern sind mehr als 280 Fotos online- durchscrollen, anschauen, gerne weiter verwenden -> (c) BBFK/Kainrath. Zur...

    Weiterlesen...